Konferenz von Sanremo (1920)
Die Konferenz von Sanremo fand vom 19. bis 26. April 1920 im italienischen Badeort Sanremo statt und markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der Neuordnung des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg. Der Oberste Rat der Alliierten Mächte – bestehend aus Großbritannien, Frankreich und Italien – traf hier die formalen Entscheidungen über die Aufteilung der ehemaligen osmanischen Gebiete in Völkerbundsmandate.
Historischer Hintergrund
Die Konferenz baute auf den Entscheidungen der Pariser Friedenskonferenz 1919 auf und diente der konkreten Umsetzung der im Sykes-Picot-Abkommen (1916) skizzierten Interessensphären. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs konkurrierten Großbritannien und Frankreich um die Kontrolle über die strategisch und wirtschaftlich bedeutsamen Gebiete des Nahen Ostens. Die Konferenz sollte diese Rivalitäten beilegen und eine völkerrechtliche Legitimation für die faktische Aufteilung schaffen.
Mandatsentscheidungen
Die zentrale Entscheidung war die Vergabe von Klasse-A-Mandaten gemäß dem Völkerbund-Mandatssystem:
- Frankreich erhielt das Völkerbundmandat für Syrien und Libanon, das die heutigen Staaten Syrien und Libanon umfasste
- Großbritannien erhielt das Britisches Mandat für Palästina (1920-1948) und das Britisches Mandat Mesopotamien (1920-1932), einschließlich des umstrittenen erdölreichen Gebiets von Mosul
Die genaue Grenzziehung zwischen den Mandatsgebieten blieb zunächst offen und wurde in späteren Verhandlungen festgelegt. Als Ausgleich für britische Gewinne im Irak erhielt Frankreich das Recht auf ein Viertel der nordirakischen Erdölförderung sowie eigene Pipelines zum Öltransport.
Palästina und die Balfour-Deklaration
Ein besonders folgenreiches Element war die Beauftragung der britischen Mandatsmacht mit der Umsetzung der Balfour-Deklaration (1917) – der Einrichtung einer „nationalen Heimstatt für das jüdische Volk" in Palästina. Diese Entscheidung ignorierte die Interessen der arabischen Mehrheitsbevölkerung und stand im Widerspruch zu britischen Versprechungen gegenüber arabischen Führern während des Ersten Weltkriegs. Das später von Palästina abgetrennte Transjordanien (heute Jordanien) hatte nach Sykes-Picot unter internationale Verwaltung gestellt werden sollen.
Weitere Verhandlungspunkte
Neben den Mandatsentscheidungen befasste sich die Konferenz mit der Vorbereitung des Friedens von Sèvres mit der Türkei (unterzeichnet am 10. August 1920), der drastische territoriale Verluste für das Osmanische Reich vorsah. Weitere Themen waren der Verzug bei deutschen Reparationszahlungen und die potenzielle Aufhebung der Handelssanktionen gegen Sowjetrussland.
Ratifizierung und Folgen
Die in Sanremo getroffenen Mandatsentscheidungen gingen zunächst vom Alliierten Obersten Rat aus. Die formale Ratifizierung durch den Völkerbund erfolgte erst am 24. Juli 1922. Die auf der Konferenz etablierte Ordnung wurde von den betroffenen Bevölkerungen weitgehend abgelehnt und als Fortsetzung des Kolonialismus unter neuem Namen wahrgenommen. Die willkürliche Grenzziehung und die Missachtung lokaler Aspirationen schufen Konflikte, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind – vom arabisch-israelischen Konflikt bis zu regionalen Instabilitäten im Nahen Osten.
Verbindungen
Vorgeschichte
- Osmanisches Reich – Zerfallenes Reich, dessen Gebiete verteilt wurden
- Sykes-Picot-Abkommen (1916) – Geheime Vorvereinbarung zur Aufteilung