Stammesgesellschaften, Beduinen und Sesshaftigkeit
Wer im vorislamischen Arabien überleben wollte, brauchte vor allem eines: Zugehörigkeit. In einer Umgebung ohne Staaten, ohne Polizei und ohne feste Grenzen war der Stamm die einzige Instanz, die Schutz, Recht und Identität gewährleistete. Diese Stammesordnung war kein Relikt einer primitiven Vergangenheit, sondern eine hochentwickelte Antwort auf die extremen Bedingungen der arabischen Halbinsel. Sie bestimmte, wer Zugang zu Wasser und Weideland hatte, wie Konflikte gelöst wurden und welche Bündnisse geschlossen werden konnten. Viele dieser Strukturen überdauerten Jahrhunderte und wirkten noch nach, als europäische Ölkonzerne im 20. Jahrhundert begannen, Konzessionen mit lokalen Herrschern auszuhandeln.
Die Beduinen und das Gesetz der Wüste
Die Beduinen, die nomadischen Bewohner der arabischen Wüsten, verkörperten die reinste Form des Stammeslebens. Ihre Existenz drehte sich um die Herden: Kamele, Ziegen und Schafe, die sie entlang saisonaler Routen von Weide zu Weide trieben. Die Organisation war streng patrilinear. Jeder Stamm führte seine Abstammung auf einen gemeinsamen Vorfahren zurück, und die Zugehörigkeit bestimmte sich über die väterliche Linie. An der Spitze stand der Scheich, der nicht als absoluter Herrscher regierte, sondern als Erster unter Gleichen. Seine Autorität beruhte auf Konsens, Großzügigkeit und dem Ruf, gerecht zu entscheiden. Die Wüste kannte kein geschriebenes Gesetz. An seine Stelle traten das Gewohnheitsrecht und der Grundsatz der Vergeltung: Ein Angriff auf ein Stammesmitglied war ein Angriff auf den gesamten Stamm.
Oasen und Sesshaftigkeit
„Die Wüste gebiert, die Stadt verschlingt." — Arabisches Sprichwort
Nicht alle Bewohner der Halbinsel lebten als Nomaden. In den Oasen des Nadschd, im Hedschas und an der Küste des Persischen Golfs siedelten sesshafte Gemeinschaften, die von Dattelpalmen, Ackerbau und Handel lebten. Städte wie Mekka und Medina waren nicht nur religiöse Zentren, sondern auch Handelsplätze, an denen Karawanen aus dem Süden auf Kaufleute aus dem Norden trafen. Zwischen Nomaden und Sesshaften bestand eine Beziehung der gegenseitigen Abhängigkeit: Die Beduinen lieferten Schutz und Transportkapazitäten, die Oasenbewohner boten Märkte, Handwerk und Nahrungsmittel. Diese Symbiose war fragil. Wenn Dürren die Weideflächen verödeten, drängten die Nomaden in die Oasen, und Konflikte waren unvermeidlich.
Asabiyya: Der Kitt der Stammesgesellschaft
Der Historiker Ibn Chaldun prägte im 14. Jahrhundert den Begriff der Asabiyya, des Zusammengehörigkeitsgefühls, das eine Gruppe zusammenhält und ihr die Kraft verleiht, zu herrschen. Für Ibn Chaldun war die Asabiyya in der Wüste am stärksten, weil die Härte des Lebens die Menschen zusammenschweißte. In der Stadt hingegen verweichlichten die Herrscher, die Asabiyya schwand, und eine neue, hungrigere Gruppe aus der Wüste übernahm die Macht. Dieser Kreislauf von Aufstieg und Verfall zog sich durch die Geschichte der arabischen Halbinsel. Er erklärt, warum immer wieder Stammesbewegungen aus dem Inneren der Halbinsel die Küstenstädte und Oasen eroberten und neue Herrschaftsordnungen errichteten.
Diese Stammesordnung mit ihrer Balance aus Loyalität und Rivalität bildete das soziale Fundament, auf dem später religiöse und politische Kräfte aufbauen sollten. Die mächtigste dieser Kräfte entstand im 7. Jahrhundert in genau jenem Hedschas, wo Händler und Beduinen sich begegneten.