Der Islam als politische und wirtschaftliche Kraft

Vom Stammesglauben zur Weltmacht

Im Jahr 622 floh ein Kaufmann aus Mekka in die Oasenstadt Medina, und diese Flucht veränderte die Welt. Mohammed brachte nicht nur eine neue Religion, sondern auch eine neue politische Ordnung. Der Islam überwand die Grenzen der Stammeszugehörigkeit und schuf eine Gemeinschaft, die Umma, die auf dem Glauben statt auf der Abstammung beruhte. Innerhalb eines Jahrhunderts eroberten die Nachfolger Mohammeds ein Gebiet, das von Spanien bis nach Zentralasien reichte. Für die arabische Halbinsel bedeutete dies einen fundamentalen Wandel: Aus einer Peripherie der Weltgeschichte wurde das Zentrum eines neuen Imperiums, und die Handelsrouten, die bisher lokale Bedeutung hatten, wurden zu Adern eines globalen Wirtschaftssystems.

Die Umma: Eine neue Ordnung jenseits der Stämme

Der Islam bot eine radikale Antwort auf die Fragmentierung der Stammesgesellschaft. Nicht mehr die Abstammung, sondern der Glaube definierte die Zugehörigkeit. Die Umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, war ein überstammliches Konzept, das Araber, Perser, Berber und Türken unter einem Dach vereinte. Praktisch bedeutete das: Gemeinsame Rechtsnormen durch die Scharia, eine einheitliche Kultsprache im Arabischen und ein Netz von Pilgerrouten, die die islamische Welt physisch verbanden. Die jährliche Pilgerfahrt nach Mekka, der Hadsch, wurde nicht nur zum religiösen Ritual, sondern auch zur größten regelmäßigen Handelsveranstaltung der vormodernen Welt. Händler aus Marokko trafen auf Kaufleute aus Indonesien, und neben Gebeten tauschten sie Waren, Wissen und Nachrichten aus.

Bagdad und das goldene Zeitalter

„Tinte der Gelehrten ist heiliger als das Blut der Märtyrer." — Hadith, zugeschrieben dem Propheten Mohammed

Im 8. Jahrhundert verlegten die Abbasiden ihre Hauptstadt nach Bagdad, und die Stadt wurde zum Mittelpunkt einer kulturellen und wirtschaftlichen Blütezeit. Die islamische Welt entwickelte fortschrittliche Finanzinstrumente: Schecks (arab. sakk), Kreditbriefe und Handelsgesellschaften, die Vorläufer moderner Unternehmensformen waren. Der Fernhandel florierte entlang der Seidenstraße und über die Seewege des Indischen Ozeans. Bagdad, Damaskus und Kairo wurden zu Metropolen mit Hunderttausenden Einwohnern, in denen Wissenschaft, Medizin und Philosophie auf einem Niveau betrieben wurden, das Europa erst Jahrhunderte später erreichte. Dieser Wohlstand beruhte auf einem ausgeklügelten Steuersystem und einem stabilen Währungswesen, das den Gold-Dinar zur Leitwährung des internationalen Handels machte.

Die sunnitisch-schiitische Spaltung

Die Frage, wer die Umma nach Mohammeds Tod führen sollte, spaltete die islamische Welt in zwei Lager. Die Sunniten erkannten die Nachfolge der gewählten Kalifen an. Die Schiiten hingegen sahen das Recht zur Führung allein bei den Nachkommen des Propheten, beginnend mit seinem Schwiegersohn Ali. Was als Nachfolgestreit begann, wurde zur dauerhaften konfessionellen Trennlinie. Der heutige Iran ist mehrheitlich schiitisch, während die arabischen Golfstaaten sunnitisch dominiert sind. Im Irak leben beide Gruppen in fragiler Nachbarschaft. Diese konfessionelle Geografie wurde im 20. Jahrhundert politisch instrumentalisiert und prägt die Öl-Geopolitik der Region bis heute. Wenn schiitische Minderheiten in den ölreichen Provinzen Saudi-Arabiens oder sunnitische Eliten im schiitischen Irak herrschen, sind die Wurzeln dieses Konflikts über 1.300 Jahre alt.

Der Islam hatte die arabische Halbinsel von einer Randzone zum Zentrum eines Weltreichs gemacht. Doch dieses Zentrum verlagerte sich: erst nach Damaskus, dann nach Bagdad, schließlich nach Istanbul. Als die Osmanen im 16. Jahrhundert die Kontrolle über den Nahen Osten übernahmen, wurde Arabien erneut zur Provinz.