Osmanische Herrschaft im Nahen Osten (1517–1918)

Vier Jahrhunderte zwischen Ordnung und Verfall

Als Sultan Selim I. im Jahr 1517 Ägypten eroberte und den letzten Abbasiden-Kalifen nach Istanbul brachte, begann eine Herrschaft, die den Nahen Osten für vier Jahrhunderte prägen sollte. Das Osmanische Reich kontrollierte fortan die heiligen Stätten des Islam in Mekka und Medina, die fruchtbaren Ebenen Mesopotamiens und die Handelsrouten zwischen Europa und Asien. Für die arabische Halbinsel bedeutete die osmanische Herrschaft eine Zeit der relativen Stabilität, aber auch der Marginalisierung. Die Entscheidungen fielen in Istanbul, und die arabischen Provinzen blieben wirtschaftlich und politisch an der Peripherie. Genau diese Strukturen der osmanischen Verwaltung bestimmten später, welche Grenzen die europäischen Mächte zogen und welche Herrscher sie als Verhandlungspartner für Ölkonzessionen anerkannten.

Das Millet-System und die Provinzverwaltung

Die Osmanen regierten ihr multiethnisches Reich durch ein System, das auf religiöser Autonomie und lokaler Verwaltung beruhte. Nicht-muslimische Gemeinschaften, die sogenannten Millets, regelten ihre internen Angelegenheiten weitgehend selbst. In den arabischen Provinzen stützten sich die osmanischen Gouverneure auf lokale Stammesführer und Notabeln, die als Vermittler zwischen der Zentralmacht und der Bevölkerung fungierten. Die Provinzen Mesopotamiens, das heutige Irak, waren in die Verwaltungseinheiten (Vilayets) von Bagdad, Basra und Mosul gegliedert. Diese Dreiteilung wirkte weit über das Ende des Osmanischen Reichs hinaus: Als die Briten nach dem Ersten Weltkrieg den Irak zusammenfügten, verbanden sie drei Gebiete mit unterschiedlichen ethnischen und konfessionellen Mehrheiten zu einem fragilen Staat.

Der lange Niedergang

„Der kranke Mann am Bosporus." — Zar Nikolaus I. von Russland über das Osmanische Reich, 1853

Ab dem 18. Jahrhundert verlor das Osmanische Reich zunehmend an Macht und Territorium. Die europäischen Großmächte, allen voran Russland, Großbritannien und Frankreich, nutzten jede Schwäche, um Einfluss zu gewinnen oder Gebiete abzutrennen. Griechenland erlangte 1830 die Unabhängigkeit, die Franzosen besetzten 1830 Algerien, die Briten kontrollierten ab 1882 Ägypten. Im Inneren scheiterten Modernisierungsversuche wie die Tanzimat-Reformen an den Widerständen der konservativen Eliten und der Überdehnung des Reiches. Sultan Abdülhamid II. versuchte, durch den Bau der Hedschas-Bahn von Damaskus nach Medina die Kontrolle über die arabischen Provinzen zu stärken und die Pilgerreise zu erleichtern. Doch die Bahn, 1908 fertiggestellt, konnte den Zerfall nicht aufhalten. Sie wurde im Ersten Weltkrieg von arabischen Aufständischen unter britischer Anleitung systematisch sabotiert.

Arabien als osmanische Peripherie

Während Istanbul, Kairo und Damaskus zu modernen Metropolen heranwuchsen, blieb die arabische Halbinsel weitgehend unberührt von den Veränderungen der Zeit. Das Innere der Halbinsel, der Nadschd, lag außerhalb der effektiven osmanischen Kontrolle. Die Küstenregionen am Persischen Golf gerieten zunehmend unter britischen Einfluss, da London die Seewege nach Indien sichern wollte. Die osmanische Herrschaft beschränkte sich hier auf nominelle Souveränität und gelegentliche Expeditionen. Diese Machtlücke war entscheidend: Sie ermöglichte es lokalen Herrschern wie den Saids von Maskat und den Scheichs von Kuwait, eigenständige Beziehungen zu den europäischen Mächten aufzubauen. Als im frühen 20. Jahrhundert die Suche nach Öl begann, verhandelten britische Agenten nicht mit Istanbul, sondern direkt mit diesen lokalen Machthabern.

Die Schwäche des Osmanischen Reichs zog nicht nur lokale Machthaber an, sondern auch zwei europäische Imperien, die seit Jahrzehnten um die Vorherrschaft in Asien rangen. Ihr Wettstreit, bekannt als das Great Game, sollte die Karte des Nahen Ostens neu zeichnen.