Britische und russische Rivalität – Das Great Game

Zwei Imperien und der Kampf um Asien

Im 19. Jahrhundert standen sich zwei Imperien in einem Ringen gegenüber, das den gesamten Raum zwischen dem Mittelmeer und dem Pazifik umspannte. Großbritannien wollte den Seeweg nach Indien, dem Kronjuwel seines Empires, um jeden Preis sichern. Russland drängte nach Süden, auf der Suche nach warmwasserfähigen Häfen und neuen Einflusssphären. Zwischen diesen beiden Mächten lag der Nahe Osten und Zentralasien, ein Mosaik aus schwachen Staaten und zerfallenden Reichen, das zum Spielfeld dieser Rivalität wurde. Das sogenannte Great Game, ein Begriff, den der britische Offizier Arthur Conolly prägte, war kein einzelner Krieg, sondern ein jahrzehntelanges Schachspiel aus Diplomatie, Spionage und gelegentlicher Gewalt. Es legte die Grundlagen für die geopolitischen Strukturen, in denen später die Ölkonzessionen vergeben wurden.

Britische Interessen: Der Weg nach Indien

Für das britische Empire war alles, was zwischen London und Kalkutta lag, eine Frage der nationalen Sicherheit. Der kürzeste Seeweg nach Indien führte durch das Mittelmeer, über den Isthmus von Suez und durch das Rote Meer. Der Landweg verlief durch das Osmanische Reich und Iran. Beides musste unter britischer Kontrolle oder zumindest britischem Einfluss stehen. Ab den 1820er Jahren schloss London eine Reihe von Verträgen mit den Scheichtümern am Persischen Golf, die diese zur sogenannten Trucial Coast machten, einem Gürtel von Protektoraten, die den Seeweg sicherten. Die Royal Navy patrouillierte den Golf, unterdrückte die Piraterie und schuf eine Ordnung, die britischen Interessen diente. Diese Vertragsbeziehungen waren es, auf die sich britische Ölkonzerne Jahrzehnte später beriefen, als sie exklusive Bohrrechte verlangten.

Russische Expansion nach Süden

„Russland hat die Gewohnheit, sich in die Richtung auszudehnen, in der es den geringsten Widerstand findet." — Lord Palmerston, britischer Premierminister, 1853

Russland hatte einen anderen Zugang zur Region. Seit dem 18. Jahrhundert dehnte sich das Zarenreich systematisch nach Süden und Osten aus: in den Kaukasus, nach Zentralasien, in Richtung Afghanistan und Iran. Für London war jeder russische Vormarsch eine potenzielle Bedrohung für Indien. Die Angst, russische Truppen könnten über die Pässe Afghanistans nach Indien einfallen, bestimmte die britische Außenpolitik über Jahrzehnte. Zwei anglo-afghanische Kriege, zahllose diplomatische Missionen und ein Netz aus Spionen und Agenten waren die Folge. In Iran teilten sich beide Mächte den Einfluss: Russland dominierte den Norden, Großbritannien den Süden. Diese informelle Teilung, 1907 im Anglo-Russischen Abkommen formalisiert, bestimmte die Bedingungen, unter denen die erste große Ölkonzession im Nahen Osten vergeben wurde.

Der Persische Golf als britisches Meer

Lord Curzon, Vizekönig von Indien und späterer britischer Außenminister, formulierte die britische Position am deutlichsten. Er betrachtete den Persischen Golf als ein britisches Meer, dessen Kontrolle für die Sicherheit des Empires unverzichtbar war. Unter seiner Ägide intensivierte Großbritannien seine Präsenz in der Region. Politische Residenten in Kuwait, Bahrain und Maskat überwachten die lokalen Herrscher und verhinderten, dass andere europäische Mächte Fuß fassten. Als die Deutsche Bank Pläne für eine Eisenbahn von Berlin nach Bagdad vorlegte, sah London darin eine direkte Bedrohung seiner Golfinteressen. Die Bagdadbahn wurde zu einem der Streitpunkte, die Europa auf den Weg in den Ersten Weltkrieg begleiteten. Der Golf war längst nicht mehr nur ein Handelsweg, sondern ein strategisches Gut von höchstem Wert.

Das Great Game und das Öl

Das Great Game endete formell mit dem Anglo-Russischen Abkommen von 1907, das Einflusszonen in Iran und Afghanistan definierte. Doch seine Folgen prägten die Region weit über dieses Datum hinaus. Die britischen Vertragsbeziehungen am Golf, die russisch-britische Teilung Irans, die Kontrolle über strategische Seewege: All diese Strukturen bestimmten die Bedingungen, unter denen im frühen 20. Jahrhundert die Suche nach Öl begann. William Knox D'Arcy erhielt seine persische Konzession von 1901 in einem Land, das bereits in britische und russische Einflusssphären aufgeteilt war. Die Geopolitik des Great Game war die Voraussetzung für die Geopolitik des Öls.

Doch das Great Game wurde nicht nur zu Lande ausgetragen. Ein einzelnes Bauwerk veränderte die strategische Gleichung im Nahen Osten grundlegend: der Suezkanal.