Der Suezkanal (1869) und die neue Geopolitik

Die Wasserstraße, die Imperien verband

Am 17. November 1869 durchfuhr eine Flotte von Schiffen den neu eröffneten Suezkanal und verband damit das Mittelmeer mit dem Roten Meer. Was als französisches Ingenieurprojekt begonnen hatte, wurde zum geopolitischen Wendepunkt des 19. Jahrhunderts. Der Kanal verkürzte den Seeweg von London nach Bombay um mehr als 7.000 Kilometer und machte den Umweg um das Kap der Guten Hoffnung überflüssig. Für Großbritannien wurde die Wasserstraße zur Lebensader seines Empires, für Ägypten zum Auslöser einer Schuldenkrise, die das Land in die britische Abhängigkeit trieb. Und für den gesamten Nahen Osten begann eine neue Ära, in der die strategische Lage der Region wichtiger wurde als alles, was auf oder unter ihrer Oberfläche lag.

Das Projekt des Ferdinand de Lesseps

Die Idee, eine Wasserstraße zwischen Mittelmeer und Rotem Meer zu graben, war alt. Schon die Pharaonen hatten Kanäle angelegt, die den Nil mit dem Roten Meer verbanden. Der Franzose Ferdinand de Lesseps, ein ehemaliger Diplomat mit exzellenten Beziehungen zum ägyptischen Vizekönig Said Pascha, griff den Plan 1854 auf und gründete die Suezkanal-Gesellschaft. Die Bauarbeiten begannen 1859 und dauerten zehn Jahre. Zehntausende ägyptische Arbeiter, zunächst als Zwangsarbeiter rekrutiert, gruben einen 164 Kilometer langen Kanal durch die Wüste. Die Kosten explodierten, und Ägypten verschuldete sich massiv. Großbritannien, das das Projekt anfangs bekämpft hatte, erkannte schnell seinen Wert: Der Kanal war die kürzeste Verbindung zwischen der Metropole und ihren asiatischen Kolonien.

Disraelis Coup: Großbritannien kauft sich ein

„Wir haben ihn, Madame." — Benjamin Disraeli an Königin Victoria nach dem Kauf der Suezkanal-Anteile, 1875

Als Khedive Ismail, der Enkel des Kanalbauers, 1875 vor dem Bankrott stand, bot er seine 44 Prozent an der Suezkanal-Gesellschaft zum Verkauf an. Der britische Premierminister Benjamin Disraeli handelte schnell. Mit einem Kredit des Bankhauses Rothschild erwarb er die Anteile für 4 Millionen Pfund Sterling und sicherte Großbritannien damit die Mitbestimmung über die wichtigste Wasserstraße der Welt. Sieben Jahre später, 1882, besetzten britische Truppen Ägypten unter dem Vorwand, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. In Wahrheit ging es um die Kontrolle des Kanals. Ägypten blieb formal Teil des Osmanischen Reichs, war aber de facto ein britisches Protektorat. Diese Besatzung dauerte bis 1956, als die Suezkrise das Ende der europäischen Kolonialherrschaft im Nahen Osten einleitete.

Neue Seewege, neue Machtachsen

Der Suezkanal veränderte die strategische Bedeutung des gesamten Nahen Ostens. Das Rote Meer, bisher ein Randgewässer, wurde zur Hauptverkehrsader zwischen Europa und Asien. Aden, an der Südspitze der arabischen Halbinsel, stieg zum wichtigsten Kohlebunkerhafen auf der Route nach Indien auf. Der Persische Golf gewann an Bedeutung, weil er nun über den Kanal direkt mit dem europäischen Handel verbunden war. Großbritannien baute sein Netz von Marinestützpunkten entlang der neuen Route aus: Gibraltar, Malta, Aden, Bombay. Jeder Punkt auf dieser Kette war eine Festung, die den Zugang zum Kanal und damit zum Empire sicherte. Wer den Kanal kontrollierte, kontrollierte den Welthandel.

Der Kanal als Vorspiel zum Ölzeitalter

Die Logik des Suezkanals war die Logik der Energiesicherheit avant la lettre. Großbritannien hatte eine Infrastruktur geschaffen, die auf dem reibungslosen Fluss von Waren und Ressourcen beruhte. Als im frühen 20. Jahrhundert das Öl die Kohle als strategischen Rohstoff ablöste, verlagerte sich der Fokus von der Sicherung der Seewege auf die Sicherung der Ölquellen selbst. Aber die Denkweise blieb dieselbe: Kontrolle über die Energieversorgung war gleichbedeutend mit nationaler Sicherheit. Der Suezkanal war der Prototyp dieser Strategie, und die britische Besatzung Ägyptens das Modell, das London später im Irak und in Iran wiederholte.

Während die europäischen Mächte um Kanäle und Seewege rangen, begann an einem ganz anderen Ort eine stille Revolution. In den Hügeln Pennsylvanias und an den Ufern des Kaspischen Meeres stießen Bohrtrupps auf eine schwarze, übelriechende Flüssigkeit, die bald die Welt verändern sollte.