Barr - Lords of the Desert

Lords of the Desert: Britain's Struggle with America to Dominate the Middle East von James Barr untersucht die Rivalität zwischen Großbritannien und den USA um die Vorherrschaft im Nahen Osten von 1941 bis 1967. Barr stützt sich auf neu freigegebene Archivdokumente und widerlegt das gängige Narrativ, wonach der britische Rückzug allein eine Folge arabischer Unabhängigkeitsbewegungen gewesen sei. Stattdessen zeigt er, wie die USA aktiv die britische Vormachtstellung untergruben, um eigene strategische und wirtschaftliche Interessen durchzusetzen.
Inhalt
Das Buch gliedert sich in vier Teile, die chronologisch den Machttransfer von Großbritannien auf die USA im Nahen Osten nachzeichnen.
Teil 1: Heading for Trouble (1941–1948) behandelt die letzten Jahre britischer Dominanz. Während des Zweiten Weltkriegs begannen die USA unter Franklin D. Roosevelt, Großbritannien als führende Macht in der Region herauszufordern. Der Konflikt um Palästina, die jüdische Immigration und die Gründung Israels 1948 offenbarten die wachsende Kluft zwischen den Verbündeten. Großbritannien unterschätzte die Geschwindigkeit des Machtverlusts.
Teil 2: Important Concessions (1947–1953) beschreibt, wie Öl zum zentralen Hebel wurde. Das Fifty-Fifty-Abkommen (1950) zwischen Saudi Aramco und Saudi-Arabien veränderte die Spielregeln. Die Nationalisierung der Anglo-Persian Oil Company durch Mohammad Mossadegh und dessen Sturz durch die Operation Ajax (1953) markierten einen Wendepunkt: Fünf amerikanische Firmen beteiligten sich anschließend an der britischen Ölgesellschaft und reduzierten den britischen Anteil auf 40 Prozent.
Teil 3: Descent to Suez (1953–1958) bildet den Höhepunkt der anglo-amerikanischen Rivalität. Die Suezkrise (1956) wurde zum entscheidenden Bruch: Großbritannien, Frankreich und Israel griffen Ägypten an, doch die USA erzwangen unter Androhung von Sanktionen den Rückzug. Eisenhower formulierte daraufhin die Eisenhower-Doktrin (1957), die den amerikanischen Führungsanspruch in der Region festschrieb. Die Rolle Gamal Abdel Nassers als Protagonist des arabischen Nationalismus verkomplizierte die Lage für beide westliche Mächte.
Teil 4: Clinging On (1957–1967) zeichnet den endgültigen britischen Rückzug nach. Der Abzug aus Aden 1967, das Ende der direkten Stellvertreterherrschaft am Golf und die Folgen des Sechstagekriegs besiegelten das Ende der britischen Ära. Die USA waren nun unangefochten die dominierende westliche Macht in der Region.
Barrs zentrale These lautet, dass die anglo-amerikanische Beziehung im Nahen Osten, oft als Partnerschaft dargestellt, in Wahrheit von Konkurrenz, Einmischung und gegenseitiger Untergrabung geprägt war. Die USA agierten nicht als passive Nachfolger, sondern als aktive Konkurrenten, die Großbritanniens Schwächen gezielt ausnutzten. Die langfristigen Folgen dieser Machtkämpfe, von der Destabilisierung regionaler Ordnungen bis zum westlichen Vertrauensverlust, wirken bis heute nach.
Kapitelübersicht
Part 1: Heading for Trouble (1941–1948)
1. The Beginning of the End. Schon vor dem Eintritt der USA in den Krieg gab es Kontroversen über die Nachkriegspolitik. Roosevelt und Wendell Willkie wollten, dass die USA nach dem Krieg eine dominante Rolle übernehmen und den Imperialismus beenden. Churchill wollte das Empire in der bestehenden Form weiterführen.
2. The Old Imperialistic Order. Der Nahe Osten wurde Anfang der 1940er von Briten und Franzosen beherrscht. In Ägypten, Iran, Irak, Palästina und Syrien waren die Imperialisten extrem unbeliebt. Willkie befürchtete, dass die Animositäten auch auf Amerika ausstrahlen könnten. In Palästina legten die Engländer 1939 eine Obergrenze von 15.000 jüdischen Immigranten pro Jahr fest.
3. Heading for Trouble. Ben-Gurion erklärte die Biltmore Declaration (1942) zur Grundlage der Hauptforderung bei den Friedensverhandlungen. Der irakische Premierminister Nuri as-Said legte den Gegenvorschlag eines Fertile Crescent Scheme vor. Lord Moyne favorisierte einen schrittweisen Zusammenschluss über das Middle East Supply Centre. Die Amerikaner erkannten, dass Großbritannien Lend-Lease-Gelder nutzte, um seine Position in den Ölregionen auszubauen. Roosevelt erklärte am 16. Februar 1943 die Verteidigung Saudi-Arabiens für lebenswichtig für die USA.
4. Sheep's Eye. Öl wurde ab 1943 zum wesentlichen Faktor. Die Briten hielten über die Anglo-Persian Oil Company ein faktisches Vetorecht gegen amerikanische Bestrebungen, gestützt auf das Red-Line Agreement (1928).
5. A Pretty Tough Nut. 60 Prozent der US-Wirtschaftsproduktion stammten aus Kriegsgütern. Das größte Hindernis im Nahen Osten war das MESC, das auf Betreiben der Amerikaner im November 1945 aufgelöst wurde.
6. The Jewish Problem. Roosevelt hatte vor der Wahl 1944 Palästina als jüdisches Commonwealth versprochen, gleichzeitig aber Ibn Saud zugesichert, keine araberfeindlichen Aktionen zu unternehmen. Nach Roosevelts Tod konfrontierte Truman die Briten mit der Forderung, 100.000 jüdische Immigranten aufzunehmen. Die Gewalt eskalierte bis zum Bombenanschlag auf das King David Hotel am 22. Juli 1946.
7. Fight for Palestine. Bevin übergab die Palästina-Frage an die UN. Das UN Special Committee empfahl die Teilung. Am 14. Mai 1948 zogen die Briten ab, am Folgetag begann der erste arabisch-israelische Krieg.
Part 2: Important Concessions (1947–1953)
8. Eggs in One Basket. Nach der Unabhängigkeit Jordaniens plante Abdallah ibn Husain ein Königreich Syrien. Kim Roosevelt von der CIA verhinderte den britisch unterstützten Plan. Nach dem Sturz der syrischen Regierung durch Husni az-Za'im wurde der TAPLINE-Deal unterzeichnet.
9. Exploring the Wilder Areas. Die Grenzen in der Wüste Rub al-Chali waren umstritten. Ibn Saud zwang Aramco 1948 zur Beschleunigung der Exploration und machte die Amerikaner damit zu Verbündeten bei Gebietsstreitigkeiten. Am 14. Oktober 1949 meldete er formal Ansprüche auf die Region südlich von Katar an.
10. Going Fifty-Fifty. Die Einführung der 50-50-Regel durch Saudi-Arabien veränderte die Branche grundlegend. Die Konzession der Anglo-Iranian Oil Company im Iran war deutlich schlechter. Amerikanische Diplomaten empfahlen eine Anpassung, die Briten lehnten rundweg ab.
11. An Unfortunate Turn. Am 15. März 1951 stimmte das iranische Parlament für die Nationalisierung der Anglo-Iranian. Mossadegh wurde am 29. April 1951 Premierminister. Die Briten zogen ihre Tanker ab und spekulierten darauf, den Iran wirtschaftlich in die Knie zu zwingen.
12. Second Fiddle. Ägypten hob das Abkommen von 1936 auf. Die Briten erkannten, dass sie im Nahost-Konflikt nur die zweite Geige spielten. Am 23. Juli 1952 stürzten die Freien Offiziere König Faruq.
13. Plotting Mossadeq's Downfall. Der britische Ölboykott zeigte Wirkung. Mossadegh ging auf die kommunistische Tudeh-Partei zu, was zum Bruch mit General Zahedi führte. Die Briten wurden des Landes verwiesen.
14. The Man in the Arena. Kim Roosevelt leitete die Operation Ajax (1953). Durch Propaganda und organisierte Unruhen wurde Mossadegh gestürzt und Zahedi als Premierminister eingesetzt. Die Beteiligung der USA führte dazu, dass fünf amerikanische Firmen sich an der Anglo-Iranian beteiligten.
Part 3: Descent to Suez (1953–1958)
15. The Gift of a Gun. John Foster Dulles erkannte nach einem Ägypten-Besuch 1953, dass die Briten in der Region ein Faktor der Instabilität waren. Am 26. Juli 1954 einigten sich Briten und Ägypter auf einen Truppenabzug innerhalb von 20 Monaten.
16. Baghdad Pact. Nuri as-Said schloss am 24. Februar 1955 den Bagdad-Pakt mit der Türkei. Nasser wandte sich daraufhin an die Sowjetunion für Waffenlieferungen. Am 19. September 1955 nahm Ägypten das russische Angebot an.
17. Overreach. Die Briten übermannten am 26. Oktober 1955 die saudischen Soldaten im Oasenstaat Buraimi, stimmten dann aber einem Stillhalteabkommen zu.
18–22. Die Kapitel 18–22 behandeln die Eskalation zur Suezkrise (1956): Nassers Verstaatlichung des Suezkanals, das geheime Protokoll von Sèvres (1956), die Operation Kadesch (1956) und das amerikanische Ultimatum, das den britisch-französisch-israelischen Rückzug erzwang. Die Krise besiegelte das Ende Großbritanniens als dominierende Macht im Nahen Osten.
Part 4: Clinging On (1957–1967)
23–27. Die letzten Kapitel beschreiben den britischen Rückzug aus Aden, die Krise in Kuwait, den Jemen-Krieg und das endgültige Auseinanderdriften der anglo-amerikanischen Interessen in der Region. Großbritanniens Einfluss schrumpfte, die USA übernahmen die Führungsrolle.
Bedeutung
Lords of the Desert ist ein Standardwerk zur anglo-amerikanischen Rivalität im Nahen Osten des 20. Jahrhunderts. Barr ergänzt mit seinem quellenbasierten Ansatz die etablierte Literatur von Daniel Yergin und William L. Cleveland, indem er den Fokus auf die Beziehungsdynamik zwischen den beiden westlichen Mächten legt. Das Buch ist unverzichtbar für alle, die die Wurzeln heutiger Konflikte und Allianzen in der Region verstehen wollen.
Verbindungen
Schlüsselfiguren
- Winston Churchill – Verteidiger des British Empire, wollte die Vormachtstellung im Nahen Osten erhalten
- Mohammad Mossadegh – Iranischer Premierminister, nationalisierte die Anglo-Iranian
Unternehmen und Organisationen
- Anglo-Persian Oil Company – Britische Ölgesellschaft, deren Nationalisierung im Iran die Krise auslöste
Verwandte Quellen
- Barr - A Line in the Sand – Barrs Vorgängerwerk über die anglo-französische Rivalität im Nahen Osten
- Gelvin - The Modern Middle East – Standardwerk zur Geschichte des Nahen Ostens
- Cleveland - A History of the Modern Middle East – Weiteres Standardwerk zur Geschichte des Nahen Ostens
Übergeordnete Strukturen
- MOC - Geschichte der Ölindustrie im Nahen Osten – Übergeordnete MOC zur Ölgeschichte
- MOC - Geschichte des Nahen Ostens – MOC zur Gesamtgeschichte der Region