Barr - A Line in the Sand

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A Line in the Sand: Britain, France and the Struggle that Shaped the Middle East von James Barr untersucht den verdeckten Konflikt zwischen Großbritannien und Frankreich um die Vorherrschaft im Nahen Osten von 1914 bis 1948. Im Zentrum steht das Sykes-Picot-Abkommen (1916), durch das Mark Sykes und François Georges-Picot die Region zwischen Mittelmeer und persischer Grenze geheim aufteilten. Barr nutzt freigegebene Dokumente aus britischen und französischen Archiven und zeigt, dass die beiden nominellen Verbündeten über drei Jahrzehnte hinweg einen verdeckten Krieg aus Intrigen, Spionage und politischen Manövern führten.

Inhalt

Das Buch gliedert sich in vier Teile, die chronologisch die britisch-französische Rivalität im Nahen Osten nachzeichnen.

Teil 1: The Carve-Up (1915–1919) behandelt die geheime Aufteilung der osmanischen Gebiete während des Ersten Weltkriegs. Mark Sykes und François Georges-Picot zogen 1916 eine Linie in den Sand, die die britischen und französischen Einflusszonen trennte. Parallel dazu entfachte T.E. Lawrence die Arabische Revolte (1916 - 1918) und weckte bei den Arabern Hoffnungen auf Unabhängigkeit, die im Widerspruch zu den imperialen Absprachen standen. Die Balfour-Deklaration (1917) verkomplizierte die Lage weiter. Nach Kriegsende stritten sich Briten und Franzosen um Mosul und seine Ölressourcen, während die Araber sich um ihre versprochene Unabhängigkeit betrogen sahen.

Teil 2: Interwar Tensions (1920–1939) beschreibt die Zwischenkriegszeit unter den Mandaten. Die Konferenz von Sanremo (1920) formalisierte die Aufteilung: Großbritannien erhielt die Mandate über Palästina, Transjordanien und den Irak, Frankreich über Syrien und den Libanon. Churchill reorganisierte die britischen Mandate auf der Kairoer Konferenz (1921). In Syrien brach der Drusenaufstand aus, den Frankreich brutal niederschlug. Die Kontrolle über Ölressourcen wurde zum zentralen Streitpunkt, manifestiert im Red-Line Agreement (1928). In Palästina eskalierten die Spannungen zwischen arabischer und jüdischer Bevölkerung. Die britische Politik schwankte zwischen den widersprüchlichen Versprechen an Araber und Zionisten.

Teil 3: The Secret War (1940–1945) enthüllt den verdeckten Krieg zwischen Großbritannien und dem Freien Frankreich unter Charles de Gaulle im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Fall Frankreichs 1940 besetzten die Briten zusammen mit den Freien Franzosen Syrien und den Libanon, um eine Achsen-Expansion zu verhindern. Die Briten versprachen den Syrern und Libanesen dabei die Unabhängigkeit, was de Gaulle als Angriff auf französische Souveränität betrachtete. Es entbrannte ein erbitterter Machtkampf hinter den Kulissen, während die Ermordung von Lord Moyne 1944 durch zionistische Extremisten die Palästina-Frage weiter verschärfte. Barr vergleicht diese Konfrontation mit der Faschoda-Krise von 1898.

Teil 4: Exit (1945–1949) zeichnet das Ende der imperialen Ordnung nach. Nach dem Krieg unterstützte Frankreich verdeckt zionistische Gruppen gegen die britische Mandatsmacht in Palästina. Diese heimliche Zusammenarbeit zwischen Franzosen und Zionisten, motiviert durch Frankreichs Wunsch nach Vergeltung für den Verlust Syriens, trug maßgeblich zur Eskalation bei. Die Briten, erschöpft und überfordert, übergaben die Palästina-Frage an die UN und zogen 1948 ab. Der erste arabisch-israelische Krieg beendete die imperiale Ära.

Barrs zentrale These lautet, dass der britische Rückzug aus dem Nahen Osten nicht allein eine Folge arabischer Nationalismen war, sondern wesentlich durch die systematische französische Untergrabung beschleunigt wurde. Die willkürliche Grenzziehung von 1916 ignorierte ethnische, religiöse und historische Zusammenhänge und legte die Grundlage für Konflikte, die bis heute andauern. Die widersprüchlichen Versprechen an Araber, Zionisten und französische Partner schufen ein Muster diplomatischer Täuschung, das westliche Glaubwürdigkeit in der Region nachhaltig untergrub.

Kapitelübersicht

Part 1: The Carve-Up (1915–1919)

1. Very Practical Politics. Die strategische Ausgangslage zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Großbritannien und Frankreich verfolgten unterschiedliche Interessen im Osmanischen Reich, waren aber gezwungen zusammenzuarbeiten.

2. Monsieur Picot. François Georges-Picot, französischer Diplomat mit einer persönlichen Agenda, verhandelte mit Mark Sykes die Aufteilung der osmanischen Gebiete. Das Ergebnis war das Sykes-Picot-Abkommen (1916), das eine Linie quer durch den Nahen Osten zog.

3. Enter T.E. Lawrence. T.E. Lawrence wurde zum Verbindungsoffizier der Arabischen Revolte. Er weckte bei Faisal I. und den arabischen Aufständischen Hoffnungen auf ein unabhängiges arabisches Königreich, die im direkten Widerspruch zu den Sykes-Picot-Absprachen standen.

4. Allenby's Men. General Edmund Allenby führte den britischen Vormarsch durch Palästina und Syrien. Die militärischen Erfolge schufen Fakten auf dem Boden, die die diplomatischen Abkommen in Frage stellten.

5. I Want Mosul. Nach Kriegsende entbrannte ein Streit um Mosul und seine Ölressourcen. Die Briten besetzten die Region trotz der Zuordnung zur französischen Einflusssphäre und sicherten sich damit die Kontrolle über eines der größten Ölfelder der Welt.

6. Deadlock. Die Friedensverhandlungen gerieten in eine Sackgasse. Faisal I. versuchte vergeblich, arabische Interessen durchzusetzen, während Briten und Franzosen ihre imperialen Ansprüche verteidigten.

Part 2: Interwar Tensions (1920–1939)

7. The Crusader. Die Implementierung des Mandatssystems nach der Konferenz von Sanremo (1920). Frankreich setzte seinen Anspruch auf Syrien mit Gewalt durch und vertrieb Faisal I. aus Damaskus.

8. Revolt in Iraq. Der Irakische Aufstand von 1920 gegen die britische Herrschaft zwang London zu einer Neuausrichtung seiner Mesopotamien-Politik.

9. The Best and Cheapest Solution. Churchill ordnete auf der Kairoer Konferenz (1921) die britischen Mandate neu. Faisal I. wurde zum König des Irak, Abdallah ibn Husain zum Emir von Transjordanien ernannt.

10. The Druze Revolt. Der Drusenaufstand in Syrien (1925–1927) stellte die französische Mandatsherrschaft in Frage.

11. The Crushing of the Druzes. Frankreich schlug den Drusenaufstand mit brutaler Gewalt nieder, bombardierte Damaskus und demonstrierte die Rücksichtslosigkeit seiner Kolonialpolitik.

12. The Pipeline. Der Kampf um die Öl-Pipeline von den irakischen Ölfeldern zum Mittelmeer. Das Red-Line Agreement (1928) regelte die Aufteilung der Ölressourcen zwischen britischen, französischen und amerikanischen Firmen.

13. Revenge! Revenge! Arabischer Widerstand gegen die britische Mandatspolitik in Palästina nahm zu. Die wachsende jüdische Immigration verschärfte die Spannungen.

14. Fighting Terror with Terror. Die Eskalation der Gewalt in Palästina. Britische Sicherheitskräfte gerieten zwischen die Fronten arabischer und jüdischer Extremisten.

15. Placating the Arabs. Die britische Regierung versuchte 1939 mit dem Weißbuch die arabische Seite zu besänftigen, indem sie die jüdische Immigration drastisch einschränkte. Dies brachte Großbritannien in Konflikt mit der zionistischen Bewegung.

Part 3: The Secret War (1940–1945)

16. A King in Exile. Nach dem Fall Frankreichs 1940 stellte sich die Frage, was mit den französischen Mandaten geschehen sollte. Charles de Gaulle beanspruchte die Kontrolle über Syrien und den Libanon für das Freie Frankreich.

17. A Squalid Episode. Die britisch-freie-französische Invasion Syriens und des Libanons 1941, um Vichy-Frankreich zu vertreiben. Die Briten versprachen den Syrern und Libanesen die Unabhängigkeit.

18. Completely Intransigent, Extremely Rude. De Gaulle wehrte sich erbittert gegen britische Einmischung in die französischen Mandate. Die Beziehung zwischen den beiden Verbündeten verschlechterte sich dramatisch.

19. Envoy Extraordinary. Diplomatische Manöver und Geheimdienstoperationen beider Seiten im Kampf um Einfluss in der Levante.

20. Dirty Work. Verdeckte Operationen und Spionage zwischen britischen und französischen Geheimdiensten in der Region.

21. Another Fashoda. Barr zieht die Parallele zur Faschoda-Krise von 1898. Die britisch-französische Konfrontation in der Levante erreichte einen Tiefpunkt, der an die koloniale Rivalität in Afrika erinnerte.

22. Friends in Need. Trotz der Rivalität waren beide Mächte auf die Zusammenarbeit im Krieg gegen Deutschland angewiesen. Die Allianz hielt notdürftig, während der verdeckte Konflikt im Nahen Osten weiterging.

23. Trop de Zèle. Übermäßiger französischer Eifer bei der Wiederherstellung der Kontrolle über Syrien und den Libanon führte zu neuen Konflikten.

24. The Murder of Lord Moyne. Die Ermordung von Lord Moyne am 6. November 1944 durch Mitglieder der zionistischen Lechi-Gruppe in Kairo erschütterte die britische Politik. Churchill, der zuvor Sympathien für den Zionismus gezeigt hatte, wandte sich ab.

Part 4: Exit (1945–1949)

25. Time to Call the Shots. Nach Kriegsende versuchten die Briten, ihre Position im Nahen Osten zu behaupten, während Frankreich systematisch die britische Mandatsherrschaft in Palästina zu untergraben begann.

26. Got to Think Again. Die britische Regierung erkannte, dass die Situation in Palästina unhaltbar geworden war. Die Kosten der Mandatsherrschaft überstiegen den Nutzen.

27. The American League for Free Palestine. Amerikanischer innenpolitischer Druck zugunsten eines jüdischen Staates erschwerte die britische Position zusätzlich.

28. French and Zionist Intrigues. Frankreich unterstützte verdeckt zionistische Gruppen mit Waffen und logistischer Hilfe gegen die britische Mandatsmacht. Diese heimliche Allianz, motiviert durch Frankreichs Vergeltungswunsch für den Verlust Syriens, beschleunigte den britischen Abzug.

29. Last Post. Der endgültige britische Rückzug aus Palästina 1948 und der Beginn des ersten arabisch-israelischen Krieges. Das Ende der imperialen Ordnung, die mit einer Linie im Sand begonnen hatte.

Bedeutung

A Line in the Sand ist ein Standardwerk zur imperialen Entstehung der modernen Nahostordnung. Barr liefert durch die Analyse der britisch-französischen Rivalität eine Perspektive, die in der angelsächsischen Geschichtsschreibung oft vernachlässigt wird. Das Buch ergänzt Werke wie David Fromkins A Peace to End All Peace und ist unverzichtbar für das Verständnis der Mandatszeit und ihrer langfristigen Folgen. Es bildet zusammen mit Barr - Lords of the Desert eine Doppelstudie imperialer Rivalitäten im Nahen Osten.

Verbindungen

Schlüsselfiguren

Unternehmen und Organisationen

Ereignisse

Verwandte Quellen

Übergeordnete Strukturen