Irakischer Aufstand (1920)

Der Irakische Aufstand von 1920 (arabisch Thawrat al-ʿIshrīn, "Revolution der Zwanzig") war ein landesweiter bewaffneter Widerstand der mesopotamischen Bevölkerung gegen die britische Besatzung. Der Aufstand begann im Mai 1920 mit Massendemonstrationen in Bagdad und eskalierte im Juni zu bewaffneten Kämpfen, die weite Teile des Landes zwischen Bagdad und Basra erfassten. Die Briten schlugen die Revolte bis Oktober 1920 militärisch nieder, doch der Aufstand erzwang einen grundlegenden Wechsel in der britischen Irakpolitik hin zur indirekten Herrschaft durch eine haschemitische Monarchie.

Vorgeschichte

Die Ursachen des Aufstands lagen in der britischen Besatzungspolitik nach dem Ersten Weltkrieg. Großbritannien hatte Mesopotamien 1917/18 von den Osmanen erobert und verwaltete das Gebiet zunächst unter direkter Militärverwaltung. Die Vergabe des Völkerbundmandats an Großbritannien auf der Konferenz von Sanremo (1920) im April 1920 diente als Auslöser: Viele Iraker hatten auf Unabhängigkeit gehofft und sahen das Mandat als Fortsetzung kolonialer Herrschaft.

Mehrere Faktoren trugen zur Radikalisierung bei. Die britische Verwaltung führte neue Landbesitzgesetze ein, die Stammesführer bedrohten. Neue Steuern, darunter eine Begräbnissteuer für den Friedhof Wadi al-Salam in Nadschaf, provozierten die schiitische Bevölkerung. Der schiitische Mudschtahid Ayatollah Muhammad Taqi al-Shirazi erließ eine Fatwa, die den Dienst in der britischen Verwaltung für unrechtmäßig erklärte. Daneben bestand unter ehemaligen osmanischen Offizieren und arabischen Nationalisten Unzufriedenheit mit der Ausgrenzung von Irakern aus der Verwaltung.

Ablauf

Im Mai 1920 begannen in Bagdad Massenversammlungen und Demonstrationen, bei denen sunnitische und schiitische Gemeinschaften gemeinsam auftraten. Dieses konfessionsübergreifende Zusammengehen war für die Region ungewöhnlich und wurde durch die Fatwas lokaler Ulama befördert, die den Widerstand als religiöse Pflicht rahmten.

Der bewaffnete Aufstand brach Ende Juni 1920 in der südlichen Stadt Rumaitha aus, nachdem britische Truppen einen Stammesführer verhaftet hatten. Die Revolte breitete sich rasch über das Euphrat- und Tigristal aus. Stammesmilizen griffen britische Garnisonen an, unterbrachen Versorgungslinien und Kommunikationsverbindungen. Ende Juli kontrollierten die Aufständischen den Großteil des Territoriums zwischen Bagdad und Basra. In Hilla bereiteten britische Kommandeure einen letzten Widerstand auf der Straße zur Hauptstadt vor.

Die Briten reagierten mit dem Einsatz von Verstärkungstruppen aus Indien und dem erstmaligen systematischen Einsatz von Luftangriffen zur Aufstandsbekämpfung. Die Royal Air Force bombardierte Dörfer und Stammesgebiete. Winston Churchill, seit 1921 Kolonialminister, befürwortete den Einsatz von Giftgas gegen die Aufständischen. Kollektivstrafen gegen ganze Stammesgebiete waren Teil der Bekämpfungsstrategie. Bis Oktober 1920 war der organisierte Widerstand gebrochen, vereinzelte Kämpfe dauerten bis 1922 an.

Verluste und Kosten

Der Aufstand kostete auf irakischer Seite nach Schätzungen über 8.000 Tote. Die britischen Verluste beliefen sich auf rund 450 Gefallene und 1.500 Verwundete. Die finanziellen Kosten für die britische Regierung betrugen über 40 Millionen Pfund, eine Summe, die in London erheblichen politischen Druck erzeugte, die Besatzungspolitik zu überdenken.

Folgen

Der Aufstand erzwang einen Kurswechsel in der britischen Irakpolitik. Direkte Militärverwaltung erwies sich als zu kostspielig und innenpolitisch nicht tragbar. London beschloss den Übergang zur indirekten Herrschaft: Auf der Kairoer Konferenz (1921) wurde Faisal I. als König eines nominell unabhängigen Irak eingesetzt, während Großbritannien über Verträge und Berater die tatsächliche Kontrolle behielt. Gertrude Bell spielte bei der Ausgestaltung dieser Lösung eine zentrale Rolle. Das britische Mandat Mesopotamien bestand formal bis 1932 fort.

Der Einsatz von Luftstreitkräften zur Aufstandsbekämpfung wurde zum Modell des Air Policing, das die Briten in der Folge auch in anderen Kolonien anwandten. Der Aufstand erlangte im irakischen Nationalbewusstsein den Status eines Gründungsmythos und diente späteren Regierungen als Referenzpunkt für antikolonialen Widerstand.

Verbindungen

Mandatskontext

Akteure

  • Winston Churchill – Kolonialminister, befürwortete Giftgaseinsatz
  • Faisal I. – Als König des Irak infolge des Aufstands eingesetzt
  • Gertrude Bell – Orientalsekretärin, befürwortete Wechsel zur indirekten Herrschaft

Verwandte Konflikte

Übergeordnete Themen

  • Irak – Staat, dessen Gründung durch den Aufstand beschleunigt wurde

Quellen