Gertrude Bell

Gertrude Margaret Lowthian Bell (1868–1926) war eine britische Archäologin, Orientalistin, Schriftstellerin und politische Beraterin. Als Orientalsekretärin des britischen Hochkommissars in Bagdad war sie an der Staatsbildung des Irak nach dem Ersten Weltkrieg beteiligt und setzte sich für die Einsetzung Faisal I.s als König ein.
Herkunft und Ausbildung
Bell wurde 1868 in Washington Hall, County Durham, in eine wohlhabende Industriellenfamilie geboren. Ihr Großvater Isaac Lowthian Bell war Eisenfabrikant und Mitglied des Parlaments. Sie studierte Geschichte an der University of Oxford, wo sie 1888 als eine der ersten Frauen den Abschluss mit Auszeichnung erwarb. In den folgenden Jahren lernte sie Persisch und Arabisch und bildete sich in Archäologie weiter.
Reisen und archäologische Arbeit
Ab den 1890er Jahren unternahm Bell ausgedehnte Reisen durch den Nahen Osten. Sie bereiste Persien, Syrien, Mesopotamien und die arabische Halbinsel, dokumentierte archäologische Stätten und knüpfte Beziehungen zu Stammesführern und lokalen Eliten. Ihre Reiseberichte, darunter "The Desert and the Sown" (1907) und "Amurath to Amurath" (1911), verschafften ihr Anerkennung als Nahostexpertin. Ihre Kenntnis der arabischen Stammesstrukturen, der Geografie und der politischen Verhältnisse in Mesopotamien übertraf die der meisten britischen Beamten.
1909 unternahm Bell eine archäologische Expedition nach Babylon und Ukhaidir im heutigen Irak. Ihre Kartierungen und Fotografien lieferten systematische Dokumentationen mesopotamischer Ruinen.
Nachrichtendienstliche und politische Tätigkeit
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs trat Bell 1915 in den Dienst des Arabischen Büros in Kairo. Sie arbeitete dort neben T.E. Lawrence und Mark Sykes an der Koordination der britischen Nahostpolitik. Ihre Ortskenntnisse und Kontakte zu arabischen Stammesführern machten sie zu einer Schlüsselfigur der britischen Geheimdienstarbeit in der Region.
1917 wurde Bell als Orientalsekretärin nach Bagdad versetzt und dem britischen Hochkommissar Sir Percy Cox zugeteilt. In dieser Funktion beriet sie die britische Mandatsverwaltung in Fragen der Stammes- und Innenpolitik. Nach dem Irakischen Aufstand von 1920, der die Grenzen direkter britischer Herrschaft aufzeigte, befürwortete Bell die Einsetzung eines arabischen Monarchen unter britischer Oberhoheit.
Kairoer Konferenz und Staatsbildung des Irak
Auf der Kairoer Konferenz (1921) unter dem Vorsitz von Winston Churchill gehörte Bell zu den Teilnehmern, die für die sogenannte Sherifian Solution eintraten. Sie plädierte für Faisal I. als König des Irak. Faisal, Sohn des Scherifen Hussein bin Ali und nach seiner Vertreibung aus Syrien durch die Franzosen ohne Herrschaftsgebiet, erschien ihr als Kandidat, der sunnitische Legitimität mit pro-britischer Haltung verband.
Bell organisierte ein Referendum, das Faisals Thronbesteigung legitimieren sollte. Am 23. August 1921 wurde Faisal zum König des Irak gekrönt. In den folgenden Jahren beriet Bell die irakische Regierung bei der Grenzziehung, dem Aufbau staatlicher Institutionen und der Stammespolitik. Ihre Rolle brachte ihr in der britischen Presse den Beinamen "Uncrowned Queen of Iraq" ein.
Irakisches Nationalmuseum und letzte Jahre
1922 gründete Bell das Archäologische Museum in Bagdad (heute Irakisches Nationalmuseum). Sie setzte durch, dass archäologische Funde im Irak verbleiben sollten, anstatt wie üblich in europäische Museen überführt zu werden. Dieses Prinzip war für die damalige Kolonialpolitik ungewöhnlich.
In ihren letzten Lebensjahren verschlechterte sich Bells Gesundheitszustand. Sie litt unter den klimatischen Bedingungen und zunehmender Isolation. Am 12. Juli 1926 starb Bell in Bagdad an einer Überdosis Schlaftabletten. Ob es sich um Suizid oder eine versehentliche Überdosierung handelte, ist umstritten. Sie wurde auf dem britischen Friedhof in Bagdad beigesetzt.
Verbindungen
Britische Nahostpolitik
- Kairoer Konferenz (1921) – Teilnehmerin und Befürworterin Faisals
- Winston Churchill – Kolonialminister, von Bell beraten
Persönliches Netzwerk
- T.E. Lawrence – Kollege im Arabischen Büro und auf der Kairoer Konferenz
- Mark Sykes – Zeitgenosse in der britischen Nahostpolitik
- Faisal I. – Von Bell als König des Irak unterstützt
- Scherif Hussein bin Ali – Vater Faisals, Anführer der Arabischen Revolte
Irakische Staatsbildung
- Irak – Staat, an dessen Gründung Bell mitwirkte
- Arabische Revolte (1916 - 1918) – Vorgeschichte der haschemitischen Herrschaft im Irak