Kairoer Konferenz (1921)
Im März 1921 berief der neu ernannte britische Kolonialminister Winston Churchill eine Konferenz in Kairo ein, um die britische Nahostpolitik grundlegend neu zu ordnen. Hintergrund war die unhaltbare Situation in den Mandatsgebieten: Der Irakische Aufstand von 1920 hatte erhebliche militärische und finanzielle Ressourcen verschlungen, die französische Vertreibung Faisal I.s aus Syrien im Juli 1920 hatte die britischen Verpflichtungen gegenüber den Haschemiten in Frage gestellt, und Abdallah ibn Husain marschierte mit bewaffneten Gefolgsleuten in Richtung Syrien, um die Vertreibung seines Bruders zu rächen. London brauchte eine kostengünstige Lösung, die den strategischen Interessen des British Empire entsprach.
Ablauf
Die Konferenz fand vom 12. bis 30. März 1921 in zwei Phasen statt. Die erste Phase tagte im Semiramis Hotel in Kairo, die zweite Phase in Jerusalem. Churchill hatte eine Gruppe von rund vierzig britischen Beamten, Militärs und Nahostexperten zusammengerufen. Unter den Teilnehmern befanden sich T.E. Lawrence als Berater des Kolonialministeriums, Gertrude Bell als Orientalsekretärin des Hochkommissars für den Irak, Sir Percy Cox als Hochkommissar des Irak und Feldmarschall Edmund Allenby als Hochkommissar für Ägypten. Nur zwei Vertreter der beherrschten Bevölkerungen waren anwesend, beide Mitglieder der provisorischen irakischen Regierung.
Die Konferenz verhandelte die Zukunft der britischen Mandatsgebiete Mesopotamien, Palästina und Transjordanien. Churchill verfolgte das Ziel, die Kosten der britischen Präsenz im Nahen Osten drastisch zu senken und gleichzeitig die strategische Kontrolle über die Region aufrechtzuerhalten. T.E. Lawrence und Gertrude Bell befürworteten die sogenannte Sherifian Solution: die Einsetzung haschemitischer Herrscher als britische Klienten.
Ergebnisse
Die Konferenz traf drei zentrale Entscheidungen. Erstens bestätigte sie den Beschluss, Faisal I. den Thron des neu geschaffenen Königreichs Irak anzubieten. Faisal war nach seiner Vertreibung aus Syrien ohne Herrschaftsgebiet und bot sich als pro-britischer Kandidat an, der zugleich arabische Legitimität beanspruchen konnte. Zweitens beschloss die Konferenz, Abdallah ibn Husain das Emirat Transjordanien zu übertragen. Churchill traf Abdallah in der Jerusalemer Phase der Konferenz und bot ihm das Gebiet östlich des Jordan unter der Bedingung an, dass er auf militärische Aktionen gegen Frankreich in Syrien verzichte. Drittens bestätigte die Konferenz die Politik einer jüdischen Heimstätte in Palästina gemäß der Balfour-Erklärung.
Darüber hinaus beschloss die Konferenz den Einsatz der Royal Air Force statt großer Bodentruppen zur Kontrolle der Mandatsgebiete. Dieses System des Air Policing senkte die britischen Kosten erheblich und wurde zum Modell kolonialer Herrschaftssicherung in der Region.
Folgen
Die Kairoer Konferenz legte die politische Landkarte des Nahen Ostens für Jahrzehnte fest. Die Einsetzung haschemitischer Herrscher im Irak und in Transjordanien schuf zwei Staaten, die britischen Interessen dienten und zugleich arabischen Nationalisten als Kompensation für die gebrochenen Versprechen der Hussein-McMahon-Korrespondenz (1915 - 1916) präsentiert werden konnten. Die Trennung Transjordaniens vom Palästina-Mandat hatte weitreichende Folgen für die Entwicklung beider Gebiete.
Die auf der Konferenz beschlossene Ordnung erwies sich als fragil. Faisal I. regierte den Irak bis zu seinem Tod 1933, doch die künstliche Staatsbildung hinterließ dauerhafte ethnische und konfessionelle Spannungen. Das Mandat Transjordanien bestand bis 1946 unter haschemitischer Herrschaft. Die Konferenz gilt als ein Schlüsselmoment der britischen Nahostpolitik, in dem eine kleine Gruppe von Kolonialbeamten innerhalb weniger Wochen Entscheidungen traf, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.
Verbindungen
Teilnehmer
- Winston Churchill – Kolonialminister, Initiator und Vorsitzender der Konferenz
- T.E. Lawrence – Berater des Kolonialministeriums, Befürworter der haschemitischen Lösung
- Gertrude Bell – Orientalsekretärin, zentrale Rolle bei der Einsetzung Faisals im Irak
- Faisal I. – Designierter König des Irak
Kontext und Vorgeschichte
- Hussein-McMahon-Korrespondenz (1915 - 1916) – Britische Zusagen an die Haschemiten
- Arabische Revolte (1916 - 1918) – Militärische Grundlage der haschemitischen Ansprüche
- Konferenz von Sanremo (1920) – Formalisierung der Mandate
- Sykes-Picot-Abkommen (1916) – Vorherige Aufteilungsvereinbarung