Turkish Petroleum Company
Die Turkish Petroleum Company (TPC) war ein internationales Konsortium, das 1912 gegründet wurde, um die Ölvorkommen im osmanischen Mesopotamien zu erschließen. Sie bündelte die konkurrierenden Interessen Großbritanniens, der Niederlande und des Deutschen Reichs in einem einzigen Unternehmen und wurde zum Schlüsselinstrument im Kampf um das Öl des Nahen Ostens. 1929 wurde sie in Iraq Petroleum Company umbenannt.
Vorgeschichte
Die Suche nach Öl in Mesopotamien begann lange vor der Gründung der TPC. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatten europäische Geologen auf die Ölvorkommen in den osmanischen Provinzen Bagdad und Mossul hingewiesen. Sultan Abdülhamid II. übertrug die Förderrechte für diese Gebiete an seine persönliche Zivilliste, um sie dem Zugriff der regulären Verwaltung zu entziehen. Nach der jungtürkischen Revolution von 1908 fielen die Rechte an das Finanzministerium zurück, was den Weg für neue Verhandlungen öffnete.
Der armenische Unternehmer Calouste Gulbenkian, der in Istanbul lebte und die osmanische Bürokratie kannte, erkannte als Erster die Möglichkeit, die verschiedenen europäischen Interessen zu bündeln. Er hatte bereits 1904 in einem Bericht für die osmanische Regierung auf die Ölvorkommen hingewiesen und verfügte über die nötigen Kontakte in London, Den Haag und Berlin.
Gründung und Anteilsstruktur
Die TPC wurde 1912 als britisches Unternehmen registriert. Calouste Gulbenkian orchestrierte die Zusammenführung der drei konkurrierenden Parteien:
- Anglo-Persian Oil Company: 50 % (vertreten durch die britische Regierung, die 1914 Mehrheitseigner der APOC wurde)
- Royal Dutch Shell: 25 % (vertreten durch Henri Deterding)
- Deutsche Bank: 25 % (über die Rechte der Bagdadbahn-Konzession)
Gulbenkian selbst erhielt keine stimmberechtigten Anteile, sicherte sich jedoch eine Gewinnbeteiligung von 5 %. Dieser Anteil machte ihn zu einem der reichsten Männer der Welt und brachte ihm den Beinamen "Mr. Five Percent" ein.
Das Foreign Office Agreement (1914)
Im März 1914 einigten sich die Parteien unter Vermittlung des britischen Foreign Office auf eine Neuordnung der Anteile. Die Anglo-Persian Oil Company und die Deutsche Bank reduzierten ihre Anteile zugunsten der Royal Dutch Shell, während die osmanische Regierung eine formelle Zusage für die Konzession machte. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 verhinderte jedoch die Ratifizierung.
Neuordnung nach dem Krieg
Der Erste Weltkrieg veränderte die Lage grundlegend. Der Anteil der Deutschen Bank wurde als Feindvermögen beschlagnahmt. Frankreich forderte als neuer Mandatsmacht über Syrien einen Anteil am mesopotamischen Öl. Bei der Konferenz von Sanremo (1920) einigten sich Großbritannien und Frankreich darauf, den deutschen Anteil von 25 % an Frankreich zu übertragen. Die französischen Interessen wurden durch die neu gegründete Compagnie Française des Pétroles (CFP) vertreten.
Die USA protestierten gegen den Ausschluss amerikanischer Unternehmen und beriefen sich auf das Prinzip der "offenen Tür". Unter diplomatischem Druck akzeptierte das Konsortium 1922 die Beteiligung eines amerikanischen Konsortiums (Near East Development Corporation), bestehend aus Standard Oil of New Jersey und anderen US-Firmen.
Die endgültige Anteilsverteilung lautete:
- Anglo-Persian Oil Company: 23,75 %
- Royal Dutch Shell: 23,75 %
- Compagnie Française des Pétroles: 23,75 %
- Near East Development Corporation (US-Firmen): 23,75 %
- Calouste Gulbenkian: 5 % (Gewinnbeteiligung)
Der Ölfund von Kirkuk
Am 15. Oktober 1927 stieß ein Bohrteam bei Baba Gurgur nahe Kirkuk auf Öl. Die Fontäne schoss tagelang unkontrolliert in die Höhe und bestätigte die gewaltigen Vorkommen, die Geologen seit Jahrzehnten vermutet hatten. Dieser Fund machte den Irak zu einem der wichtigsten Ölländer der Welt und gab dem Konsortium die wirtschaftliche Grundlage für den weiteren Ausbau.
Das Red-Line Agreement
Der Ölfund verschärfte die Frage, welche Gebiete das Konsortium beanspruchen konnte. Am 31. Juli 1928 unterzeichneten die Partner das Red-Line Agreement (1928). Calouste Gulbenkian zog auf einer Karte eine rote Linie um das Gebiet des ehemaligen Osmanischen Reiches (ohne Kuwait und den Iran). Innerhalb dieser Linie verpflichteten sich alle Partner, nur gemeinsam und nie einzeln nach Öl zu suchen. Das Abkommen band die Partner auf Jahrzehnte und prägte die Struktur der Ölförderung im gesamten Nahen Osten.
Umbenennung
1929 wurde die Turkish Petroleum Company in Iraq Petroleum Company (IPC) umbenannt. Der neue Name spiegelte die politische Realität wider: Das Osmanische Reich existierte nicht mehr, und die Konzession lag im britischen Mandatsgebiet Irak. Die IPC kontrollierte die irakische Ölförderung bis zur Verstaatlichung 1972.
Verbindungen
Beteiligte Unternehmen
- Anglo-Persian Oil Company – Größter Anteilseigner und britisches Regierungsinstrument
- Royal Dutch Shell – Niederländisch-britischer Ölkonzern unter Henri Deterding
- CFP – Französischer Nachfolger des deutschen Anteils
- Standard Oil – US-Konzern, der ab 1922 über die Near East Development Corporation beteiligt war
- Iraq Petroleum Company – Nachfolgeorganisation ab 1929
Schlüsselpersonen
- Calouste Gulbenkian – Architekt des Konsortiums und "Mr. Five Percent"
- Abdülhamid II. – Osmanischer Sultan, der die Förderrechte an seine Zivilliste band
- Winston Churchill – Als Erster Lord der Admiralität Befürworter der britischen Ölsicherung
Schlüsselereignisse
- Konferenz von Sanremo (1920) – Übertragung des deutschen Anteils an Frankreich
- Red-Line Agreement (1928) – Selbstbeschränkungsabkommen der Konsortiumspartner
- Kairoer Konferenz (1921) – Neuordnung der britischen Nahostpolitik unter Churchill
- D'Arcy-Konzession (1901) – Vorbild für das Konzessionsmodell im Nahen Osten
Geopolitischer Kontext
- Osmanisches Reich – Der Staat, dessen Bodenschätze die TPC erschließen wollte
- Irak – Der Nachfolgestaat, auf dessen Territorium die Konzession lag
- Konzessionssystem – Das Ausbeutungsmodell, unter dem die TPC operierte
- Seven Sisters – Die Gruppe westlicher Ölkonzerne, zu der die TPC-Partner gehörten
Übergeordnete Strukturen
- MOC - Geschichte der Ölindustrie im Nahen Osten – Übergeordnete MOC
Verwendung in Publikationen
Schwarzes Gold
- Die türkische Petroleum Company und Mosul – Die TPC und der Kampf um die Ölrechte in Mesopotamien
- Das Sykes-Picot-Abkommen – Die Neuordnung des Nahen Ostens und die Ölfrage
- Mesopotamien unter britischem Mandat – Britische Mandatsherrschaft und Ölkonzessionen im Irak