Mesopotamien unter britischem Mandat

Wie Großbritannien aus drei osmanischen Provinzen einen Staat erfand und sein Öl sicherte

Im Sommer 1920 brannte der Irak. Von Basra bis Bagdad griffen bewaffnete Stammesmilizen britische Garnisonen an, sprengten Eisenbahnlinien und schnitten Nachschubwege ab. Schiitische Geistliche hatten Fatwas erlassen, die den Dienst in der britischen Verwaltung für unrechtmäßig erklärten. Sunnitische Nationalisten und kurdische Rebellen kämpften an ihrer Seite. 130.000 Aufständische standen 120.000 britischen und indischen Soldaten gegenüber. Ende Juli kontrollierten die Aufständischen den Großteil des Landes zwischen Bagdad und Basra. In der britischen Hauptstadt stellte man sich die Frage, ob der Besitz Mesopotamiens das Blut wert war.

Die Antwort lautete ja. Denn unter dem Boden Mesopotamiens lagen Ölvorkommen, deren Ausmaß man erst zu ahnen begann.

Der Preis des Aufstands

Der Irakische Aufstand von 1920 war die größte Erhebung gegen eine europäische Kolonialmacht im Nahen Osten seit dem Ersten Weltkrieg. Seine Ursachen lagen in der britischen Besatzungspolitik. Die Vergabe des Völkerbundmandats an Großbritannien auf der Konferenz von Sanremo (1920) im April hatte die Hoffnungen auf Unabhängigkeit zerschlagen. Neue Steuern, Landgesetze, die Stammesführer enteigneten, und eine Begräbnissteuer auf den Friedhof von Nadschaf brachten die schiitische Bevölkerung gegen die Besatzer auf.

Die Briten schlugen den Aufstand mit aller Brutalität nieder. Die Royal Air Force bombardierte Dörfer. Kollektivstrafen wurden gegen ganze Stammesgebiete verhängt. Über 8.000 Iraker starben, die britischen Verluste beliefen sich auf rund 450 Gefallene und 1.500 Verwundete. Die finanziellen Kosten betrugen über 40 Millionen Pfund, eine Summe, die das Schatzamt in London erschütterte und den Ruf nach einer billigeren Lösung unüberhörbar machte.

Colonel Arnold Wilson, der als stellvertretender Zivilkommissar für direkte britische Herrschaft plädiert hatte, wurde im Oktober 1920 abgelöst. An seine Stelle trat Sir Percy Cox als Hochkommissar. Die direkte Militärverwaltung war gescheitert. Großbritannien brauchte eine andere Form der Kontrolle.

Die Kairoer Konferenz

Die Lösung kam im März 1921. Winston Churchill, seit kurzem Kolonialminister, berief die Kairoer Konferenz (1921) ein, um die britische Nahostpolitik neu zu ordnen. Im Semiramis Hotel in Kairo versammelten sich rund vierzig britische Beamte, Militärs und Nahostexperten. Unter ihnen waren Gertrude Bell, die als Orientalsekretärin eine zentrale Rolle spielte, und T. E. Lawrence, der die sogenannte "Sherifian Solution" befürwortete: die Einsetzung haschemitischer Herrscher als britische Klienten.

Die Konferenz traf drei Entscheidungen, die die politische Landkarte des Nahen Ostens für Jahrzehnte festlegten. Erstens: Faisal I., Sohn des Scherif Hussein und Anführer der Arabischen Revolte, sollte König des Irak werden. Er war ein Mann ohne Land, nachdem die Franzosen ihn im Juli 1920 aus Syrien vertrieben hatten. Genau das machte ihn geeignet. Als Fremder im eigenen Königreich war er auf britische Unterstützung angewiesen. Zweitens: Sein Bruder Abdallah sollte das Emirat Transjordanien erhalten. Drittens: Die Kontrolle der Mandatsgebiete sollte von der Armee auf die Royal Air Force übergehen, um die Kosten zu senken.

Am 23. August 1921 wurde Faisal zum König des Irak gekrönt, nachdem ein Referendum 96 Prozent Zustimmung ergeben hatte. Das Ergebnis kam durch britischen Druck zustande. Gertrude Bell hatte es organisiert.

Ein Staat aus dem Nichts

Was die Briten Irak nannten, war eine Erfindung. Drei osmanische Provinzen mit unterschiedlicher Bevölkerung wurden zu einem Staat zusammengefügt: die Provinz Mossul im Norden mit kurdischer und turkmenischer Bevölkerung, die Provinz Bagdad im Zentrum mit sunnitischen Arabern und die Provinz Basra im Süden mit schiitischen Arabern. Diese drei Gruppen hatten keine gemeinsame politische Identität und keinen Wunsch, in einem Staat zu leben.

Die Briten setzten eine sunnitisch-arabische Minderheit an die Spitze der Verwaltung und des Militärs. Die schiitische Mehrheit wurde marginalisiert. Die Kurden im Norden verlangten Autonomie oder einen eigenen Staat und wurden mit Gewalt unterdrückt. Faisal regierte als britischer Klientelkönig, abhängig von britischer Unterstützung gegen die innere Opposition.

Gertrude Bell erkannte die Tragweite dessen, was sie mitgeschaffen hatte. In einem Brief nach England schrieb sie, sie habe das Gefühl, ein Kartenhaus zu errichten. Aber sie baute trotzdem weiter.

Die Frage von Mossul

Die Provinz Mossul war der Schlüssel. Im Sykes-Picot-Abkommen (1916) war sie der französischen Zone zugeschlagen worden. Doch nach dem Krieg beanspruchte Großbritannien das Gebiet, und Clemenceau hatte es Lloyd George im Dezember 1918 gegen 25 Prozent der Ölproduktion abgetreten. Jetzt erhob auch die neue türkische Republik Ansprüche auf die Provinz, die sie als Teil des türkischen Kernlandes betrachtete.

Der Völkerbund setzte eine Untersuchungskommission ein, die im Juli 1925 ihren Bericht vorlegte. Am 16. Dezember 1925 entschied der Völkerbundrat zugunsten des Irak, was in der Praxis zugunsten Großbritanniens bedeutete. Im Vertrag von Ankara vom 5. Juni 1926 akzeptierte die Türkei widerwillig den Verlust Mossuls, im Austausch gegen zehn Prozent der irakischen Öl-Royalties über 25 Jahre.

Mossul war damit britisch. Und damit war auch das Öl britisch.

Das Öl von Kirkuk

Am 14. März 1925 erhielt die Turkish Petroleum Company eine Konzession über die Provinzen Mossul und Bagdad, gültig für 75 Jahre. Die Konzession war ein Monument kolonialer Wirtschaftsordnung: Das Konsortium, in dem APOC, Royal Dutch Shell, französische und amerikanische Gesellschaften jeweils 25 Prozent hielten, kontrollierte Exploration, Förderung und Export. Der irakische Staat erhielt vier Schilling pro Tonne, eine Summe, die kaum der Rede wert war.

Am 15. Oktober 1927, um drei Uhr morgens, schoss bei Baba Gurgur nahe Kirkuk eine Ölfontäne 42 Meter über die Spitze des Bohrturms hinaus in die Nacht. Der Druck war so gewaltig, dass 95.000 Barrel pro Tag aus dem Boden strömten. Neun Tage brauchten die Arbeiter, um das Bohrloch zu verschließen. Das Öl floss in die Wüste, bildete einen See und drohte, die Stadt Kirkuk zu überschwemmen. Innerhalb von drei Monaten wurden Reserven von zwölf Milliarden Barrel nachgewiesen.

Es war der Fund, der die Geopolitik des Nahen Ostens für das kommende Jahrhundert bestimmen sollte. Die Turkish Petroleum Company wurde 1928 in Iraq Petroleum Company umbenannt.

Die Fassade der Unabhängigkeit

1930 schlossen Großbritannien und der Irak einen neuen Vertrag, der die formale Unabhängigkeit vorbereitete, aber britische Privilegien sicherte: Militärbasen, Kontrolle über die Außenpolitik bei Konflikten und das Recht auf Truppenentsendung. Am 3. Oktober 1932 trat der Irak dem Völkerbund bei, als erstes arabisches Land. Das Mandat war formal beendet.

Die Unabhängigkeit war eine Fassade. Britische Berater blieben in Schlüsselpositionen. Die Royal Air Force kontrollierte Luftraum und Flugplätze. Die Iraq Petroleum Company förderte das Öl, bestimmte die Mengen und setzte die Preise. Die Pipelines von Kirkuk führten nicht an irakische Häfen, sondern durch das französische Mandatsgebiet Syrien zum Mittelmeer. Der irakische Staat lebte von Öl-Royalties, die er weder kontrollieren noch steigern konnte.

Faisal starb am 8. September 1933, ein Jahr nach der Unabhängigkeit. Seine Monarchie überlebte ihn um 25 Jahre, bis 1958 ein blutiger Militärputsch das Königshaus auslöschte. Die Struktur, die die Briten geschaffen hatten, eine sunnitische Minderheitenherrschaft über eine schiitische Mehrheit und eine kurdische Minderheit, überlebte jedoch. Sie hielt unter der Baath-Partei, unter Saddam Hussein und zerbrach erst 2003 mit der amerikanischen Invasion. Die Folgen sind bis heute nicht überwunden.

Verbindungen

Akteure

Unternehmen und Öl

Ereignisse

Orte

  • Irak – Der Staat, der aus dem Mandat hervorging
  • Abadan – Raffinerie im benachbarten Persien

Systemischer Kontext

Übergeordnete Strukturen