Das Sykes-Picot-Abkommen
Im November 1915 saßen sich in London zwei Männer gegenüber, die den Auftrag hatten, einen Kontinent aufzuteilen. Der eine war Mark Sykes, 36 Jahre alt, konservativer Unterhausabgeordneter, katholischer Baronet und selbsternannter Orientkenner, der den Nahen Osten auf mehreren ausgedehnten Reisen durchquert hatte. Der andere war François Georges-Picot, 45 Jahre alt, französischer Diplomat und ehemaliger Generalkonsul in Beirut, eng verbunden mit den maronitischen Christen des Libanon und dem Parti Colonial, der Frankreichs imperiale Expansion im östlichen Mittelmeer forderte. Was die beiden in den folgenden Wochen aushandelten, wurde zum berüchtigtsten Geheimabkommen des 20. Jahrhunderts.
Zwei Männer, eine Landkarte
Sykes und Picot verhandelten Ende Dezember 1915 und Anfang Januar 1916 in fast täglichen privaten Sitzungen. Kein Protokoll dieser Gespräche ist erhalten. Am 3. Januar 1916 paraphierten sie ein gemeinsames Memorandum, das die Grundzüge der Aufteilung festlegte.
Sykes hatte eine Methode, die der Legende nach so funktionierte: Er zog mit dem Finger eine Linie auf der Landkarte, vom Buchstaben "e" in Acre am Mittelmeer bis zum letzten "k" in Kirkuk im östlichen Mesopotamien. Alles nördlich dieser Linie sollte französisch werden, alles südlich britisch.
Die Realität war komplizierter, aber nicht viel. Das Abkommen teilte das osmanische Territorium in fünf Zonen. Die blaue Zone, unter direkter französischer Kontrolle, umfasste die Küste Syriens, den Libanon und Kilikien. Die rote Zone, unter direkter britischer Kontrolle, umfasste Südmesopotamien mit Bagdad und Basra sowie die Bucht von Haifa. Zone A, ein nominell arabischer Staat unter französischem Schutz, erstreckte sich über das syrische Hinterland. Zone B, ein nominell arabischer Staat unter britischem Schutz, umfasste Transjordanien und Nordmesopotamien. Und eine braune Zone rund um Jerusalem sollte international verwaltet werden.
Im März 1916 reisten Sykes und Picot nach Petrograd, um die Zustimmung der dritten Entente-Macht einzuholen. Der russische Außenminister Sergei Sasonow stimmte zu, unter der Bedingung, dass Russland Konstantinopel, die Meerengen und die armenischen Provinzen erhielt. Am 9. Mai 1916 ratifizierte Frankreich das Abkommen, am 16. Mai Großbritannien.
Das Versprechen an die Araber
Das Sykes-Picot-Abkommen stand in direktem Widerspruch zu dem, was die Briten den Arabern versprochen hatten. Zwischen Juli 1915 und März 1916, also parallel zu den Verhandlungen mit Picot, führte Sir Henry McMahon, der britische Hochkommissar in Ägypten, eine Korrespondenz mit Scherif Hussein bin Ali von Mekka. In zehn Briefen versprach McMahon, die arabische Unabhängigkeit in einem großen Gebiet anzuerkennen, das von den Taurus-Bergen im Norden bis zum Arabischen Meer im Süden reichte. Welche Gebiete genau eingeschlossen waren, blieb absichtlich vage, besonders was Palästina und die syrische Küste betraf.
Im Austausch für dieses Versprechen sollte Hussein einen Aufstand gegen das Osmanische Reich führen. Im Juni 1916, einen Monat nach der Ratifizierung des Sykes-Picot-Abkommens, begann die Arabische Revolte. Husseins Söhne, allen voran Faisal, kämpften an der Seite von T. E. Lawrence gegen die Osmanen. Sie taten es in dem Glauben, dass ihnen ein unabhängiger arabischer Staat versprochen worden war.
Tatsächlich hatten die Briten dasselbe Land drei verschiedenen Parteien versprochen: den Arabern Unabhängigkeit, den Franzosen Kontrolle, und einander die Aufteilung.
Mossul und das Öl
In der Originalversion des Abkommens lag die Provinz Mossul, geteilt am Kleinen Zab, überwiegend in der französischen Zone. Mossul war zu diesem Zeitpunkt kein großes strategisches Thema. Noch wusste niemand, wie gewaltig die Ölvorkommen unter der mesopotamischen Erde waren. Doch die Turkish Petroleum Company, ein britisch dominiertes Konsortium, hatte bereits vor dem Krieg Konzessionen in der Region erworben. Die Frage, wer Mossul kontrollierte, war damit auch eine Frage, wer das Öl kontrollierte.
Als britische Truppen im Oktober 1918 Mossul besetzten, obwohl es in der französischen Zone lag, war die Weiche gestellt. Im Dezember 1918, auf einer Konferenz in London, handelte der britische Premierminister David Lloyd George mit dem französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau einen Tausch aus: Frankreich trat Mossul an Großbritannien ab, im Gegenzug erhielt es 25 Prozent der künftigen Ölproduktion und britische Unterstützung für seine Ansprüche anderswo. Dieser Öl-gegen-Territorium-Handel wurde auf der Konferenz von Sanremo (1920) formalisiert.
Die Enthüllung
Am 23. November 1917 veröffentlichten die Bolschewiki, die drei Wochen zuvor die Macht in Russland übernommen hatten, den vollen Wortlaut des Sykes-Picot-Abkommens in der Iswestija und der Prawda. Leo Trotzki hatte die geheimen Dokumente in den Archiven des zaristischen Außenministeriums gefunden. Lenin nannte das Abkommen die Vereinbarung kolonialer Räuber. Am 26. November druckte der Manchester Guardian den Text nach.
Die arabischen Führer, die im Vertrauen auf britische Versprechen gegen die Osmanen kämpften, erfuhren nun, dass die Europäer ihre Gebiete längst unter sich aufgeteilt hatten. Scherif Hussein bin Ali verlangte eine Erklärung von London. Die Briten spielten die Bedeutung des Dokuments herunter. Doch der Schaden war angerichtet. Das Vertrauen der Araber in die britischen Zusagen war zerstört.
Ein Abkommen, das nie umgesetzt wurde
Paradoxerweise wurde das Sykes-Picot-Abkommen in seiner ursprünglichen Form nie umgesetzt. Die russische Revolution eliminierte den dritten Partner. Die internationale Verwaltung Jerusalems kam nicht zustande. Die Grenzen der Zonen wurden auf der Konferenz von Sanremo (1920) und der Kairoer Konferenz (1921) mehrfach verschoben. Frankreich erhielt Syrien und den Libanon, aber nicht in der Form, die Picot vorgesehen hatte. Großbritannien erhielt Mesopotamien und Palästina, aber unter den Bedingungen des Völkerbund-Mandatssystems, das eine Fassade internationaler Legitimität erforderte.
Und doch war das Abkommen die Blaupause. Die Grundlogik, dass europäische Mächte den Nahen Osten nach ihren strategischen und wirtschaftlichen Interessen aufteilten und die Wünsche der Bevölkerung ignorierten, blieb bestehen. Die Grenzen, die Sykes und Picot auf ihrer Landkarte gezogen hatten, wurden zu den Grenzen von Staaten, die es vorher nicht gegeben hatte: Irak, Syrien, Libanon, Jordanien. Diese Staaten existieren bis heute. Die Konflikte, die ihre künstliche Schaffung verursachte, ebenfalls.
Mark Sykes starb am 16. Februar 1919 in Paris an der Spanischen Grippe, mitten in den Friedensverhandlungen, die sein Abkommen in eine neue Ordnung überführen sollten. Er war 39 Jahre alt.
Verbindungen
Akteure
- Mark Sykes – Britischer Unterhändler, Namensgeber des Abkommens
- Scherif Hussein bin Ali – Empfänger der britischen Unabhängigkeitsversprechen
- T.E. Lawrence – Britischer Verbindungsoffizier zur Arabischen Revolte
Ereignisse
- Arabische Revolte (1916 - 1918) – Der Aufstand, der auf britischen Versprechen beruhte
- Hussein-McMahon-Korrespondenz (1915 - 1916) – Die widersprüchlichen Zusagen an die Araber
- Konferenz von Sanremo (1920) – Formalisierung der Mandatsaufteilung
- Kairoer Konferenz (1921) – Neuordnung der britischen Mandatspolitik
Öl und Wirtschaft
- Turkish Petroleum Company – Britisches Ölkonsortium mit Ansprüchen auf Mossul
- Anglo-Persian Oil Company – Britisches Ölunternehmen, das von der Mandatsordnung profitierte
Orte
- Irak – Staat, der aus der Mandatsaufteilung hervorging
- Hedschas – Region, deren Herrscher von den Briten betrogen wurde
- Persien – Nachbarstaat mit eigener Ölgeschichte
Systemischer Kontext
- Konzessionssystem – Das Modell, über das europäische Mächte Ölrechte sicherten
- Ressourcennationalismus – Spätere Reaktion auf die koloniale Aufteilung
Übergeordnete Strukturen
- MOC - Geschichte der Ölindustrie im Nahen Osten – Übergeordnete MOC
- MOC - Geschichte des Nahen Ostens – Übergeordnete MOC