Der Erste Weltkrieg als Öl-Krieg

Wie Benzin, Heizöl und Kerosin den ersten industriellen Krieg entschieden

Am 6. September 1914, fünf Wochen nach Kriegsbeginn, standen deutsche Truppen fünfzig Kilometer vor Paris. General Joseph Gallieni, der Militärgouverneur der Stadt, griff zu einer verzweifelten Maßnahme. Er requirierte rund 630 Pariser Taxis, fast ausschließlich Renault Type-AG der Firma G7, und ließ sie in der Nacht etwa 4.000 Soldaten an die Marne transportieren. Die militärische Wirkung war bescheiden. Das Gros der 150.000 Mann der 6. Armee erreichte die Front per Eisenbahn. Aber als Symbol war die Aktion unvergesslich: Automobile, angetrieben von Benzinmotoren, im Dienst der Kriegsführung. Es war ein Vorgeschmack auf das, was kommen sollte. Vier Jahre später hatten sich Pferd und Dampfmaschine als Rückgrat der Armeen erledigt. An ihre Stelle war ein neuer Rohstoff getreten: Erdöl.

Der Krieg, der alles veränderte

Der Erste Weltkrieg begann als Konflikt des 19. Jahrhunderts. Kavallerie ritt in den Kampf. Infanterie marschierte zu Fuß. Nachschub wurde mit Pferdekarren an die Front gebracht. Die britische Expeditionsstreitkraft, die im August 1914 nach Frankreich übersetzte, verfügte über 827 Kraftfahrzeuge und 15 Motorräder. Die Armeen aller kriegführenden Mächte zusammen besaßen wenige tausend motorisierte Fahrzeuge.

Am 11. November 1918, dem Tag des Waffenstillstands, sah die Welt vollkommen anders aus. Allein die britische Armee verfügte über 56.000 Lastkraftwagen, 23.000 Automobile und 34.000 Motorräder. Das Army Service Corps, die Versorgungstruppe, war von 6.500 Mann auf 325.000 angewachsen. An der Westfront war ein Krieg geführt worden, der ohne Öl nicht führbar gewesen wäre: mit Panzern, Flugzeugen, U-Booten, motorisiertem Nachschub und ölbefeuerten Kriegsschiffen.

Jutland: Die ölbefeuerte Flotte im Kampf

Am 31. Mai 1916 trafen die britische Grand Fleet und die deutsche Hochseeflotte in der Nordsee aufeinander. Die Schlacht von Jutland war die größte Seeschlacht des Krieges und der erste Kampfeinsatz, in dem sich ölbefeuerte Großkampfschiffe gegen kohlebefeuerte bewähren mussten.

Die fünf Schlachtschiffe der Queen-Elizabeth-Klasse, Winston Churchills "fast division", bildeten das 5. Schlachtgeschwader unter Konteradmiral Hugh Evan-Thomas. Sie waren drei bis vier Knoten schneller als jedes andere Schlachtschiff auf dem Schlachtfeld. Während die kohlebefeuerten Schiffe beider Seiten dichte schwarze Rauchwolken ausstießen, die die Sicht auf Meilen versperrten und das Zielen fast unmöglich machten, fuhren die Queen Elizabeths mit sauberem Abgas. In einer Schlacht, in der Sicht über Leben und Tod entschied, war das ein Vorteil, der sich nicht in Tonnen oder Knoten messen ließ.

Die HMS Warspite, eines der fünf Schiffe, erhielt fünfzehn schwere Treffer und blieb kampffähig. Die überlegene Wasserdichtunterteilung, die durch den Wegfall der Kohlebunker möglich geworden war, rettete das Schiff. Jutland bewies, was Fisher vorhergesagt und Churchill durchgesetzt hatte: Öl war Kohle in jeder Hinsicht überlegen.

Die Geburt des Panzers

Am 15. September 1916, mitten in der Hölle der Somme-Offensive, rollten zum ersten Mal gepanzerte Fahrzeuge in den Kampf. Die Briten setzten 49 Panzer des Typs Mark I ein, schwerfällige Ungetüme, die von Benzinmotoren angetrieben wurden. Nur 31 von ihnen überquerten die deutschen Linien. Die meisten blieben mit mechanischen Defekten liegen. Aber die psychologische Wirkung war gewaltig. Die deutschen Soldaten flohen vor Maschinen, die durch Stacheldraht pflügten und Maschinengewehrnester niederwalzten, als wären sie nicht vorhanden.

Zwei Jahre später, in der Schlacht von Amiens am 8. August 1918, setzte die britische Armee 534 Panzer ein. Ludendorff nannte diesen Tag den schwarzen Tag des deutschen Heeres. Es war der Anfang vom Ende. Der Panzer, ein Produkt des Verbrennungsmotors, hatte die Pattsituation des Grabenkriegs gebrochen.

Gleichzeitig veränderte das Flugzeug die Kriegsführung von oben. Im August 1914 hatten die Armeen einige Dutzend Flugzeuge für Aufklärungszwecke. Bis 1918 waren Tausende von Jagdflugzeugen und Bombern im Einsatz, alle angetrieben von Benzinmotoren, die Kerosin oder Flugbenzin verbrannten.

Persien im Fadenkreuz

Während an der Westfront die neuen Waffen den Krieg veränderten, wurde im Nahen Osten um die Quelle gekämpft, die sie am Laufen hielt. Die Ölfelder von Khuzestan und die Raffinerie von Abadan waren für die britische Kriegsführung von lebenswichtiger Bedeutung. Bis Ende 1916 deckte die Anglo-Persian Oil Company ein Fünftel des gesamten Ölbedarfs der Royal Navy.

Die Bedrohung kam von zwei Seiten. Das Osmanische Reich, seit Oktober 1914 auf Seiten der Mittelmächte, konnte von Mesopotamien aus die persischen Ölfelder angreifen. Und im persischen Hinterland operierte ein deutscher Agent, der die Stammesführer gegen die Briten aufwiegelte: Wilhelm Wassmuss, der deutsche Konsul in Buschehr, den man bald den "Lawrence von Persien" nannte. Wassmuss versuchte, die Bakhtiari und andere Stämme in der Ölprovinz zum Aufstand zu bewegen und die britischen Anlagen zu sabotieren.

Im Januar 1915 war die Lage so bedrohlich, dass die Anglo-Persian ihre europäischen Angestellten aus Ahwaz und Abadan evakuierte. Doch die Briten hatten vorgesorgt. Noch bevor das Osmanische Reich offiziell in den Krieg eingetreten war, hatte die indische Armee Truppen an den Schatt al-Arab entsandt, um Abadan und die Ölfelder zu schützen.

Der Mesopotamien-Feldzug

Was als Schutzmaßnahme für die Raffinerie begann, wurde zu einem der längsten und blutigsten Feldzüge des Krieges. Im November 1914 landeten britisch-indische Truppen bei Fao an der Mündung des Schatt al-Arab. Innerhalb weniger Wochen hatten sie Basra eingenommen und die unmittelbare Bedrohung der Ölfelder beseitigt.

Doch dann setzte der Mechanismus ein, der Kolonialkriege seit jeher angetrieben hat: Jeder Erfolg schuf die Versuchung, weiterzugehen. Von Basra nach Kut, von Kut nach Bagdad. Die Expedition wuchs, die Versorgungslinien wurden länger, und die osmanische Armee erwies sich als zäher Gegner. Bei Kut al-Amara erlitt eine britische Division 1916 eine katastrophale Niederlage und musste nach fünfmonatiger Belagerung kapitulieren. Es war eine der demütigendsten Niederlagen des britischen Empire im gesamten Krieg.

Bagdad fiel erst im März 1917. Der Mesopotamien-Feldzug dauerte bis zum Waffenstillstand von Mudros im Oktober 1918 und kostete rund 100.000 britische und indische Gefallene und Verwundete. Am Ende kontrollierte Großbritannien ein Gebiet, das nicht nur die persischen Ölfelder schützte, sondern auch die Ölvorkommen Mesopotamiens selbst umfasste, Vorkommen, deren Bedeutung man erst zu ahnen begann.

Deutschland ohne Öl

Auf der anderen Seite des Krieges zeigte sich, was geschah, wenn einer Industrienation das Öl fehlte. Deutschland besaß keine nennenswerten eigenen Ölvorkommen. Seine einzige bedeutende Quelle waren die rumänischen Ölfelder von Ploești. Als Rumänien im August 1916 den Mittelmächten den Krieg erklärte, verlor Deutschland diesen Zugang. General Erich Ludendorff schrieb später, Deutschland hätte ohne Rumäniens Korn und Öl weder existieren noch den Krieg führen können. Deutschland marschierte in Rumänien ein und besetzte die Ölfelder bis Ende 1916, doch die Fördermengen blieben begrenzt.

Die britische Seeblockade schnitt Deutschland von allen überseeischen Öllieferungen ab. Gegen Kriegsende machte sich der Mangel überall bemerkbar: in der U-Boot-Flotte, deren Einsätze eingeschränkt werden mussten, in der Luftwaffe, deren Piloten weniger Flugstunden absolvieren konnten, im motorisierten Nachschub, der den alliierten Lastwagen nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatte. Der französische Ökonom Francis Delaisi brachte es auf eine Formel: Der Sieg von 1918 war der Triumph des alliierten Lastwagens über die deutsche Eisenbahn.

Clemenceaus Hilferuf

Im Dezember 1917, als die Lage an der Westfront nach dem Zusammenbruch Russlands kritisch war, wandte sich der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau mit einem dringenden Brief an den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson. Er bat um 100.000 zusätzliche Tonnen Tankschiffskapazität von amerikanischen Ölgesellschaften. Benzin, schrieb Clemenceau, sei in der Schlacht von morgen so notwendig wie Blut.

Die Alliierten kontrollierten über 70 Prozent der weltweiten Ölproduktion. Die Vereinigten Staaten allein förderten fast zwei Drittel. 80 bis 90 Prozent des gesamten alliierten Petroleums stammten aus amerikanischen Quellen. Doch die deutschen U-Boote versenkten 1917 Tanker schneller, als sie beladen werden konnten. Standard Oil verlor zwischen Mai und September 1917 sechs Tankschiffe. Erst die Einführung des Konvoisystems brachte die Verluste unter Kontrolle.

Die Welle des Öls

Am 21. November 1918, zehn Tage nach dem Waffenstillstand, trat in London die Interalliierte Petroleum-Konferenz zusammen. Lord Curzon, der spätere britische Außenminister, hielt die Eröffnungsrede. Sein Satz ging in die Geschichte ein: Die Sache der Alliierten sei auf einer Welle von Öl zum Sieg geschwommen.

Es war keine Übertreibung. Die persische Ölförderung hatte sich zwischen 1914 und 1918 vervielfacht. Die Raffinerie von Abadan war zur größten der Welt herangewachsen. Die Anglo-Persian Oil Company, die vor dem Krieg chronisch unterfinanziert gewesen war, erwirtschaftete jetzt beträchtliche Gewinne.

Doch die Konsequenzen reichten weit über die Bilanz eines einzelnen Unternehmens hinaus. Der Krieg hatte bewiesen, dass Öl kein gewöhnlicher Rohstoff mehr war. Wer über Öl verfügte, konnte Kriege führen. Wer es nicht hatte, verlor sie. Diese Lektion vergaß keine der siegreichen Mächte. In den kommenden Jahrzehnten würde der Kampf um die Kontrolle der Ölquellen die Politik des Nahen Ostens bestimmen. Er hat nicht aufgehört.

Verbindungen

Akteure

  • Winston Churchill – Erster Lord der Admiralität, der die Ölflotte in den Krieg führte

Unternehmen und Institutionen

Ereignisse

Orte

  • Abadan – Raffinerie, die zum strategischen Pfeiler der Alliierten wurde
  • Persien – Herkunft des britischen Marineöls
  • Irak – Schauplatz des Mesopotamien-Feldzugs und künftiges Ölgebiet

Systemischer Kontext

Übergeordnete Strukturen