Winston Churchill und die Ölmarine

Wie eine Handvoll Männer die mächtigste Flotte der Welt auf einen Rohstoff umstellte, den Großbritannien nicht besaß

Im Sommer 1911 übernahm ein 36-jähriger Politiker das Amt des Ersten Lords der Admiralität, des politischen Chefs der mächtigsten Kriegsflotte der Welt. Winston Churchill war ehrgeizig, rastlos und von der Überzeugung getrieben, dass Großbritannien seinen Vorsprung zur See nur halten konnte, wenn es bereit war, ein enormes Risiko einzugehen: die gesamte Schlachtflotte von Kohle auf Öl umzustellen. Es war eine Entscheidung, die alles auf eine Karte setzte, denn Großbritannien besaß reichlich Kohle, aber kein einziges nennenswertes Ölfeld.

Das Zeitalter der Kohle

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war walisische Dampfkohle der Treibstoff des britischen Empire. Die Royal Navy unterhielt ein weltweites Netz von Kohlestationen: Gibraltar, Malta, Port Said, Aden, Colombo, Singapur, Hongkong, Bermuda und Dutzende weitere. Jede Station war ein Glied in der Kette, die den britischen Seehandel und die britische Seemacht zusammenhielt. Das South Wales Coalfield lieferte den besten Dampfkohle der Welt. Kein anderes Land konnte so zuverlässig und flächendeckend seine Flotte versorgen.

Doch Kohle hatte Grenzen. Das Bunkern war eine körperliche Tortur. Hunderte von Matrosen mussten die Kohlesäcke von Hand in die Bunker schleppen, ein Vorgang, der bei voller Beladung eines Großkampfschiffes sechzig Stunden oder länger dauern konnte und die gesamte Besatzung erschöpfte. Auf See mussten Heizer in Schichten rund um die Uhr die Kessel befeuern. Ein kohlebefeuertes Schlachtschiff brauchte allein für den Kesselraum 58 Mann. Und die schwarzen Rauchschwaden, die aus den Schornsteinen stiegen, verrieten die Position eines Schiffes auf Dutzende Meilen Entfernung.

Admiral Fishers Vision

Der Mann, der als erster die Konsequenzen erkannte, war John Fisher. Fisher, geboren 1841, war ein Sohn des Ceylon-Kolonialdienstes, der sich vom Seekadetten zum mächtigsten Admiral seiner Generation hochgearbeitet hatte. Als Erster Seelord von 1904 bis 1910 hatte er die Royal Navy durch eine Revolution geführt: die Einführung der Dreadnought-Schlachtschiffe, den Ausbau der U-Boot-Waffe und die Konzentration der Flotte in der Nordsee gegen die wachsende deutsche Marine.

Fisher war von Öl besessen. Schon in den frühen 1900er Jahren hatte er Vergleichsversuche zwischen öl- und kohlebefeuerten Schiffen angeordnet. Im Dezember 1904 traten die HMS Spiteful, die erste vollständig auf Öl umgerüstete Zerstörerin, und die kohlebefeuerte HMS Peterel in direkten Vergleichstests gegeneinander an. Die Ergebnisse waren eindeutig. Die Spiteful brauchte drei Mann im Kesselraum statt sechs. Sie war in zehn Minuten dampfbereit statt in anderthalb Stunden. Sie produzierte kaum sichtbaren Rauch. Und sie war schneller.

Fisher predigte die Überlegenheit des Öls mit der Inbrunst eines Konvertiten. Öl, so seine Überzeugung, würde die Seekriegsführung von Grund auf verändern. Doch als er 1910 in den Ruhestand ging, hatte sich die Admiralität noch nicht bewegt. Die Kohlelobby war stark, die walisischen Bergwerksbesitzer einflussreich, und das Argument gegen die Umstellung war simpel und überzeugend: Großbritannien hatte Kohle, aber kein Öl.

Churchill greift ein

Winston Churchill kam im Oktober 1911 in die Admiralität mit dem Auftrag, die Flotte gegen die deutsche Bedrohung zu rüsten. Das deutsch-britische Wettrüsten zur See hatte einen fieberhaften Punkt erreicht. Alfred von Tirpitz baute in Deutschland eine Schlachtflotte auf, die Großbritanniens Seeherrschaft direkt herausforderte. Churchill erkannte sofort, dass Geschwindigkeit der entscheidende Vorteil sein würde. Ein Geschwader, das drei bis fünf Knoten schneller war als der Gegner, konnte den Kampf annehmen oder abbrechen, wann es wollte. Und diese Geschwindigkeit war mit Kohle nicht zu erreichen.

Im Mai 1912 reiste Churchill nach Neapel, um Fisher aus dem Ruhestand zu holen. Der 71-jährige Admiral sollte den Vorsitz einer Königlichen Kommission für Treibstoff und Antrieb übernehmen. Churchill formulierte den Auftrag in einem einzigen Satz: Das Problem des flüssigen Treibstoffs müsse gelöst werden.

Die Kommission wurde am 31. Juli 1912 eingesetzt. Ihr erster Bericht lag bereits am 27. November 1912 vor, der zweite am 27. Februar 1913, der dritte am 10. Februar 1914. Die Empfehlungen waren unmissverständlich: Die Navy solle auf Öl umsteigen. Die Versorgung müsse diversifiziert werden. Die Regierung müsse die Kontrolle über mindestens eine bedeutende Ölquelle sichern. Und es müssten Reserven für vier Jahre angelegt werden.

Die Queen Elizabeth: Ein Schiff verändert die Welt

Noch bevor die Kommission ihre Arbeit abgeschlossen hatte, fiel die entscheidende Entscheidung. Am 15. Juni 1912 genehmigte die Admiralität den Bau einer neuen Klasse von Schlachtschiffen, die ausschließlich mit Öl befeuert werden sollten: die Queen-Elizabeth-Klasse. Es war ein Sprung ins Unbekannte. Nie zuvor hatte eine Marine ihre Großkampfschiffe vollständig auf Öl gesetzt.

Die HMS Queen Elizabeth wurde am 21. Oktober 1912 in Portsmouth auf Kiel gelegt. Was dort entstand, war das mächtigste Kriegsschiff seiner Zeit. 31.500 Tonnen Verdrängung. 24 ölbefeuerte Yarrow-Kessel, die 56.000 PS erzeugten. Acht 15-Zoll-Geschütze in vier Zwillingstürmen, die schwerste Bewaffnung, die je auf einem Schlachtschiff montiert worden war. Und eine Geschwindigkeit von 25 Knoten, drei bis fünf Knoten mehr als jedes kohlebefeuerte Schlachtschiff der gleichen Größe.

Die Zahlen erzählten die Geschichte. Ein vergleichbares kohlebefeuertes Schiff brauchte Kesselräume von 28 Metern Länge, die Queen Elizabeth nur 18 Meter. Der Brennstoff für gleiche Reichweite wog 175 Tonnen statt 225. Der Kesselraum brauchte 24 Mann statt 58. Der freiwerdende Raum konnte für bessere Panzerung, stärkere Torpedoschutzschotten und größere Munitionsmagazine genutzt werden.

Churchill nannte die fünf Schiffe der Klasse, Queen Elizabeth, Warspite, Barham, Valiant und Malaya, seine "fast division". Sie sollten in der Lage sein, jedes feindliche Schiff einzuholen und jedes feindliche Schiff zu vernichten. Die Malaya wurde von den Föderierten Malaiischen Staaten als Geschenk an das Empire finanziert.

Die große Wette

Die Umstellung war ein strategisches Paradoxon. Großbritannien tauschte einen Rohstoff, den es in Fülle besaß, gegen einen, von dem es vollständig abhängig war. Die walisischen Kohlegruben lagen sicher auf britischem Boden. Das Öl musste aus Persien, aus den Vereinigten Staaten oder von Royal Dutch Shell kommen, einer niederländischen Gesellschaft, deren Loyalität im Kriegsfall niemand garantieren konnte.

Churchill war sich des Risikos bewusst. In einer Rede vor dem Parlament am 17. Juli 1913 formulierte er das Prinzip, das die Entscheidung trug: Die Sicherheit liege nicht in einer einzigen Quelle, sondern in der Vielfalt und nur in der Vielfalt der Quellen. Die Admiralität brauche nicht eine Ölquelle, sondern mehrere. Und mindestens eine davon müsse unter britischer Kontrolle stehen.

Die Lösung lag in Persien. Die Anglo-Persian Oil Company, gegründet 1909 auf der Basis des Ölfunds von Masjed Soleyman, stand kurz vor dem Bankrott. Charles Greenway, ihr geschäftsführender Direktor, warnte seit Monaten, ohne staatliche Hilfe werde das Unternehmen entweder den Betrieb einstellen oder von Royal Dutch Shell geschluckt werden. Beides wäre für die Admiralität ein Desaster gewesen.

17. Juni 1914

Am 17. Juni 1914 brachte Churchill die Vorlage ins Unterhaus ein. Die Regierung werde 2,2 Millionen Pfund in die Anglo-Persian Oil Company investieren und damit 51 Prozent der Aktien erwerben. Zwei Regierungsdirektoren würden in den Vorstand entsandt, mit Vetorecht über Marinetreibstoffverträge und politisch bedeutsame Entscheidungen. Ein geheimer Liefervertrag sicherte der Admiralität Heizöl zu Vorzugspreisen über zwanzig Jahre.

Das Parlament stimmte am 7. Juli 1914 mit 254 gegen 18 Stimmen zu. Es war ein überwältigender Sieg. Churchill selbst nannte die Beherrschung der Quelle den eigentlichen Preis des Unternehmens. Der Vergleich, der sofort gezogen wurde, war Disraelis Kauf der Anteile an der Suezkanal-Gesellschaft ein halbes Jahrhundert zuvor.

Die königliche Zustimmung zum Gesetz kam am 10. August 1914. Zu diesem Zeitpunkt war der Erste Weltkrieg bereits sechs Tage alt.

Eine unwiderrufliche Entscheidung

Die Umstellung der Royal Navy auf Öl war mehr als eine technische Modernisierung. Sie war eine geopolitische Weichenstellung, deren Konsequenzen das gesamte 20. Jahrhundert prägen sollten. Von diesem Moment an war Großbritannien, und bald die gesamte industrialisierte Welt, auf die Ölvorkommen des Nahen Ostens angewiesen. Was als Marinefrage begonnen hatte, wurde zur Schicksalsfrage ganzer Nationen.

Fisher hatte es vorhergesagt. Churchill hatte es durchgesetzt. Und der Krieg, der wenige Wochen später ausbrach, sollte beweisen, dass sie Recht hatten.

Verbindungen

Akteure

Unternehmen und Institutionen

Ereignisse

Orte

  • Persien – Herkunft des Öls für die Royal Navy
  • Abadan – Standort der Raffinerie

Systemischer Kontext

Übergeordnete Strukturen