Der Fund von Masjed Soleyman

Wie ein eigensinniger Geologe den ersten kommerziellen Ölfund im Nahen Osten erzwang

In der Nacht des 25. Mai 1908 war es so heiß in den Bergen Südwestpersiens, dass der britische Leutnant Arnold Wilson draußen vor seinem Zelt auf dem Boden schlief. Kurz nach vier Uhr morgens rissen ihn Rufe aus dem Schlaf. Er rannte zur Bohrstelle. Eine Fontäne aus schwarzem Öl schoss über die Spitze des Bohrturms hinaus in den Himmel, fünfzehn Meter hoch, und überströmte die Arbeiter. Das begleitende Gas drohte sie zu ersticken. Es war der 26. Mai 1908, fast genau sieben Jahre nach der Unterzeichnung der D'Arcy-Konzession (1901), und zum ersten Mal war im Nahen Osten kommerziell verwertbares Erdöl gefunden worden. Der Mann, der diesen Fund gegen alle Widerstände erzwungen hatte, war ein eigensinniger Geologe namens George Reynolds.

Ein Mann aus solidem britischen Eichenholz

George Bernard Reynolds war kein Akademiker, kein Gentleman-Investor und kein Schreibtischgeologe. Er hatte sich die Geologie im Selbststudium beigebracht und seine praktische Erfahrung auf den schwierigen Ölfeldern Sumatras gesammelt, wo er für niederländische Gesellschaften gebohrt hatte. Als er im September 1901 zum ersten Mal nach Persien kam, war er etwa fünfzig Jahre alt, ein massiger Mann mit grimmigem Temperament und dem Auftreten eines Pioniers aus einer früheren Epoche.

Arnold Wilson, der ihn Jahre später im Feld erlebte, beschrieb ihn als einen Menschen, der gleichzeitig Ingenieur, Geologe, Manager, Diplomat und Improvisateur war. Wenn Ersatzteile fehlten, baute Reynolds sie selbst. Wenn Maschinen versagten, reparierte er sie mit dem, was vorhanden war. Wilson nannte ihn "solid British oak", solides britisches Eichenholz. Es war ein treffendes Bild für einen Mann, der sich weder von der persischen Hitze noch von der schottischen Bürokratie beugen ließ.

William Knox D'Arcy, der die Konzession besaß, aber Persien nie betreten hatte, brauchte genau einen solchen Mann. Reynolds' Auftrag war einfach zu formulieren und fast unmöglich auszuführen: in einem Land ohne Straßen, ohne Infrastruktur und ohne jede Garantie auf Erfolg Öl finden.

Chia Surkh: Die ersten verlorenen Jahre

Die erste Bohrstelle lag bei Chia Surkh, einem unzugänglichen Hochplateau im Nordwesten Persiens, nahe der späteren irakisch-iranischen Grenze, dreihundert Meilen vom Persischen Golf entfernt. Allein der Transport der Ausrüstung war ein logistisches Unternehmen, das Monate verschlang. Die Geräte mussten per Schiff nach Basra, dann dreihundert Meilen den Tigris hinauf nach Bagdad, und von dort mit Maultierkarawanen über das mesopotamische Plateau geschafft werden.

Reynolds arbeitete mit einem kleinen Team aus polnischen und kanadischen Bohrern, einem indischen Arzt und einem amerikanischen Ingenieur. Die Temperaturen in den Unterkünften stiegen auf fast fünfzig Grad. Krankheiten plagten die Arbeiter. Ersatzteile trafen mit wochenlanger Verspätung ein oder gar nicht. Stammesführer verlangten Abgaben, schiitische Geistliche drohten mit Widerstand, und die politischen Spannungen zwischen den lokalen Machthabern machten jede Planung zur Improvisation.

Ende 1902 begannen die Bohrungen. Elf Monate später, im Oktober 1903, zeigten sich erste Ölspuren. Doch die Hoffnung war trügerisch. Das Öl, das in etwa 240 Metern Tiefe angetroffen wurde, war schwer, dickflüssig und schwefelhaltig. Es zu raffinieren hätte mehr gekostet, als es wert war. Ein zweites Bohrloch im Sommer 1904 brachte das gleiche Ergebnis. Beide Bohrlöcher wurden geschlossen. Die ersten Jahre in Persien hatten nichts als Verluste gebracht.

Der Weg nach Masjid-i-Suleiman

Im November 1903, mitten in der Phase der Enttäuschung, strandete Reynolds in Kuwait. Er war auf dem Weg nach England, erschöpft und demoralisiert. Dort traf er zufällig auf den britischen Beamten Louis Dane, der Lord Curzon auf einer Reise durch den Persischen Golf begleitete. Dane hatte in alten und neuen Reiseberichten wiederholt Hinweise auf einen Ort namens Maidan-i-Naftan gelesen, die "Ebene des Öls" in der Provinz Khuzestan. Die Beschreibungen erinnerten ihn an Baku, das Zentrum der russischen Ölindustrie. Dane drängte Reynolds, nicht aufzugeben und diesen Ort zu erkunden.

Reynolds reiste im Februar 1904 nach Maidan-i-Naftan und fand, was Dane vermutet hatte: Felsen, die mit Öl durchtränkt waren. Der Ort war kein Geheimnis. Schon in den 1850er Jahren hatte der britische Geologe William Loftus die Gegend um Masjed Soleyman besucht, den "Tempel des Suleiman", benannt nach einem nahegelegenen antiken Feuertempel. Loftus berichtete von dunklen Rinnsalen, einem unerträglichen Schwefelgeruch und ewigen Feuern, die aus der Erde brannten. Die lokalen Seyyids in Shushtar besaßen das Monopol auf die Bitumengewinnung aus diesen natürlichen Austritten.

Als Reynolds 1906 erneut nach Masjid-i-Suleiman kam, fand er noch ausgedehntere Ölzeichen. Sein Bericht begeisterte den Londoner Ölexperten Sir Boverton Redwood, der ihn als die vielversprechendste Information bezeichnete, die bis dahin vorlag. Die Entscheidung fiel: Die nächsten Bohrungen würden hier stattfinden. Doch zunächst musste eine Zufahrtsstraße durch die Berge gebaut werden, bevor überhaupt eine Bohranlage transportiert werden konnte.

Bohren am Ende der Welt

Die Bedingungen bei Masjid-i-Suleiman waren kaum besser als in Chia Surkh. Das Trinkwasser war kontaminiert, die Lebensmittelversorgung erbärmlich, und der nächste Zahnarzt befand sich in Karachi, 1.500 Meilen entfernt. Im Schatten kletterte das Thermometer auf über 43 Grad.

Die Bohrstelle lag im Winterweideland der Bakhtiari, eines mächtigen Nomadenstamms. Reynolds hatte 1905 eine Vereinbarung mit den Bakhtiari-Führern geschlossen: hohe Gebühren und Gewinnbeteiligung gegen "Schutz". In der Praxis waren die Bakhtiari selbst die größte Bedrohung. Stammesfehden, Erpressungen und ständige Nachforderungen machten die Vereinbarung zu einem permanenten Balanceakt. Reynolds beschrieb einen der Anführer mit der Bemerkung, er sei ein Mann, der so voller Intrigen stecke wie das Ei einer Nachtigall voller Musik.

Die Zufahrtsstraße, die durch die Berge gebaut worden war, wurde von einem Wolkenbruch zerstört, ein halbes Jahr Bauarbeit vernichtet. Sie musste neu errichtet werden. Erst im Januar 1908 konnten die Bohrungen beginnen.

Zwischen Reynolds und der Unternehmenszentrale der Burmah Oil in Glasgow herrschte offener Krieg. Reynolds schrieb wöchentliche Berichte, gespickt mit beißendem Sarkasmus. Die Manager in Glasgow hielten ihn für unbeherrschbar. Reynolds hielt sie für ahnungslos. Die Abneigung war gegenseitig und tief.

Der Brief, der zu spät kam

Im Frühjahr 1908 war Burmah Oil am Ende ihrer Geduld. William Knox D'Arcy hatte seit 1901 über 500.000 Pfund investiert, ohne einen Tropfen verwertbares Öl zu sehen. Das Burmah-Board teilte ihm im April unmissverständlich mit, das Geld sei aufgebraucht. Wenn D'Arcy nicht selbst die Hälfte der noch benötigten Mittel aufbringe, werde die Arbeit eingestellt. D'Arcy konnte nicht zahlen.

Am 14. Mai 1908 ging ein Brief aus Glasgow an Reynolds ab. Die Anweisung war unmissverständlich: Die beiden Bohrlöcher bei Masjid-i-Suleiman sollten auf maximal 1.600 Fuß, etwa 490 Meter, getrieben werden. Wenn in dieser Tiefe kein Öl gefunden werde, solle Reynolds den Betrieb einstellen, die Ausrüstung abbauen und nach Mohammerah bringen. Von dort sollte alles nach Burma verschifft werden. Das persische Abenteuer war zu beenden.

Vorab erhielt Reynolds ein Telegramm, das ihn auf den Brief vorbereitete. Doch Reynolds reagierte nicht. Später behauptete er, Telegramme seien unzuverlässig. Wahrscheinlicher ist, dass er aus schierer Sturheit entschied, auf die schriftliche Bestätigung zu warten. Die Post nach Südwestpersien brauchte Wochen.

26. Mai 1908

Während der Brief aus Glasgow seinen Weg durch die Wüste nahm, stiegen am Bohrplatz die Erwartungen. Erdgas war zu riechen. Dann schraubte sich ein Bohrmeißel los und fiel ins Loch. Mehrere Tage verbrachten die Arbeiter bei über 43 Grad damit, ihn wieder herauszufischen. Der Bohrer durchstieß den härtesten Fels, den sie bisher angetroffen hatten. In der Sonne konnte man Gasdämpfe sehen, die aus dem Bohrloch aufstiegen.

Dann kam die Nacht des 25. Mai. Die Hitze war so drückend, dass Arnold Wilson, der Kommandant der kleinen indischen Kavallerie-Eskorte, vor seinem Zelt auf dem Boden schlief. Kurz nach vier Uhr morgens weckten ihn Rufe. Als er zur Bohrstelle rannte, sah er die Fontäne: schwarzes Öl, das über die Spitze des Bohrturms hinausschoss und alles ringsum überströmte.

Es war zwei Tage vor dem siebten Jahrestag der Konzessionsunterzeichnung. Der erste kommerzielle Ölfund im Nahen Osten war Realität.

Der Legende nach sprang Wilson sofort auf sein Pferd und galoppierte nach Ahwaz, um die Nachricht per Telegraf nach London zu schicken. Die Nachricht, die er codiert übermittelt haben soll, lautete: "See Psalm 104 verse 15 third sentence." Der Bibelvers endet mit den Worten: "dass er Öl aus der Erde hervorbringe, das da mache ein fröhlich Angesicht."

D'Arcy erfuhr die Neuigkeit inoffiziell bei einer Dinnerparty in London. Er schwieg zunächst. Dann kam die Bestätigung. Wenige Tage nach dem ersten Bohrloch wurde auch im zweiten Öl gefunden.

Die Bohrarbeiter selbst reagierten nüchterner. Ihre erste Frage war, ob sie jetzt nach Hause fahren könnten.

Drei Wochen später erreichte der Brief vom 14. Mai endlich Masjid-i-Suleiman. Reynolds hatte bereits ein Telegramm nach Glasgow geschickt: Die Anweisungen, die man ihm sende, könnten durch die Tatsache modifiziert werden, dass Öl gefunden worden sei. Er könne sie daher kaum befolgen.

Ein Mann, der nie gewürdigt wurde

Der Fund machte andere Männer reich und berühmt. William Knox D'Arcy wurde Direktor der 1909 gegründeten Anglo-Persian Oil Company und erhielt rund 900.000 Pfund für seine Aktien. Burmah Oil übernahm 97 Prozent der neuen Gesellschaft. Winston Churchill nutzte den Fund 1914, um die britische Regierung als Mehrheitseigentümerin in den Ölkonzern einzusteigen. Masjid-i-Suleiman wurde zur Geburtsstätte eines Imperiums aus Öl.

George Reynolds blieb als Chefingenieur noch einige Jahre in Persien. D'Arcy versuchte ihn zu schützen, nannte ihn einen Mann, der niemals durch eine dumme Handlung die Konzession gefährden werde. Doch die aufgestaute Feindseligkeit in Glasgow war stärker. Im Januar 1911 wurde Reynolds ohne Zeremonie entlassen. Burmah Oil zahlte ihm als Geste 1.000 Pfund.

Arnold Wilson schrieb den Nachruf auf Reynolds' Karriere in Worten, die an Schärfe nichts zu wünschen übrig ließen: Reynolds habe Hitze und Kälte, Enttäuschung und Erfolg ertragen können, und aus jedem Perser, Inder und Europäer das Beste herausgeholt, mit dem er zu tun hatte, mit Ausnahme seiner schottischen Arbeitgeber, deren kurzsichtiger Geiz das große Unternehmen beinahe zerstört hätte. Die Männer, die er vor den Folgen ihrer eigenen Blindheit bewahrt habe, seien sehr reich geworden und in ihrer Generation geehrt worden. Reynolds' Dienst an der britischen Industrie, am Empire und an Persien sei nie anerkannt worden.

Für die Geschichte der Ölindustrie im Nahen Osten war der 26. Mai 1908 ein Wendepunkt. Zum ersten Mal war bewiesen, dass unter dem Boden der Region gewaltige Ölreserven lagen. Dieser Beweis setzte eine Dynamik in Gang, die innerhalb weniger Jahrzehnte die gesamte Region transformieren sollte. Doch am Anfang stand nicht eine strategische Entscheidung, nicht ein geopolitischer Plan, sondern die Sturheit eines einzelnen Mannes, der sich weigerte, einen Brief zu öffnen.

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  • Abadan – Standort der späteren Raffinerie

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