Die Gründung der Anglo-Persian Oil Company (1909)

Vom Ölfund zur Staatsfirma des britischen Empire

Am 19. April 1909 öffnete die Filiale der Bank of Scotland in Glasgow ihre Türen für den öffentlichen Verkauf von Aktien einer neuen Gesellschaft. Die Menge stand zehn Reihen tief am Schalter. Das Unternehmen, dessen Anteile sie kaufen wollten, besaß eine einzige Konzession in einem Land, das die meisten von ihnen auf keiner Karte hätten zeigen können, ein Ölfeld, das erst seit elf Monaten bekannt war, und keine Infrastruktur, um auch nur einen Barrel Öl an einen Kunden zu liefern. Sein Name war Anglo-Persian Oil Company. Innerhalb von fünf Jahren sollte es zum strategischen Instrument des britischen Empire werden.

Eine Firma ohne Geschäft

Die Gründung der Anglo-Persian Oil Company am 14. April 1909 war das Ergebnis monatelanger Verhandlungen zwischen William Knox D'Arcy, der Burmah Oil und einer Heerschar von Anwälten. Burmah Oil, die schottische Gesellschaft, die D'Arcys Konzession 1905 vor dem Bankrott gerettet hatte, übernahm 97 Prozent der Stammaktien. D'Arcy wurde Direktor im Vorstand. Den Vorsitz erhielt Lord Strathcona, ein 84-jähriger Würdenträger, der als Aushängeschild diente, aber nicht mehr als 50.000 Pfund seines eigenen Geldes einsetzte.

Die neue Gesellschaft kaufte das gesamte persische Unternehmen auf: die D'Arcy-Konzession (1901), die First Exploitation Company und die Bakhtiari Oil Company, die eingerichtet worden war, um die Zahlungen an die Stammesführer der Bakhtiari abzuwickeln. D'Arcy erhielt als Entschädigung für seine Explorationskosten Aktien im Wert von rund 900.000 Pfund. Er und seine Partner hatten bis zu diesem Zeitpunkt etwa 400.000 Pfund in die Suche nach Öl investiert.

Doch hinter der euphorischen Zeichnung der Aktien stand ein Unternehmen, das vor gewaltigen praktischen Problemen stand. Das Ölfeld bei Masjed Soleyman ertrank buchstäblich in Öl. Acht Bohrlöcher waren niedergebracht worden, der Druck so gewaltig, dass Rohöl zwischen dem Boden und den Eisenverrohrungen hervorquoll. Ein Korrespondent der Times berichtete Anfang 1910, das Öl laufe in Tümpeln zusammen und treibe den Karun-Fluss hinunter. Doch es gab keine Pipeline, keine Raffinerie und keinen Hafen. Das Öl war da, aber es war wertlos, solange man es nicht transportieren und verarbeiten konnte.

Die Raffinerie auf der Schlamminsel

Die Lösung lag auf Abadan, einer langen, schmalen Insel aus Schlammflächen und Palmen im Schatt al-Arab, dem gemeinsamen Mündungsgebiet von Tigris, Euphrat und Karun. Hier sollte die Raffinerie entstehen.

Die Aufgabe war gewaltig. Eine 222 Kilometer lange Pipeline musste von den Ölfeldern über eine Pumpstation bei Tembi bis nach Abadan gebaut werden. Die Trasse wurde zunächst mit Stöcken und Kattunfähnchen markiert. 6.000 Maultiere wurden eingesetzt, um die Rohre über die Berge zu schleppen. Der Bau der Raffinerie selbst lag in den Händen indischer Arbeiter, die Burmah Oil aus ihrer Raffinerie in Rangun abgezogen hatte.

Im Juli 1911 war die Pipeline fertiggestellt, im Juli 1912 nahm die Raffinerie den Betrieb auf. Und brach sofort zusammen.

Was folgte, war eine endlose Serie von Rückschlägen. Die Raffinerie arbeitete weit unter Kapazität. Das Kerosin hatte einen Gelbstich und verrußte die Lampen. Der hohe Schwefelgehalt des persischen Öls ließ die Produkte nach faulen Eiern riechen. Ein Direktor von Burmah Oil beschrieb die Anlage als "Schrotthaufen". Ein anderer sprach von einem Kapitel des Unglücks nach dem anderen, seit die Raffinerie zum ersten Mal versuchte anzulaufen.

Champagne Charlie

Der Mann, der die Anglo-Persian Oil Company in diesen schwierigen Jahren tatsächlich formte, war weder D'Arcy noch Lord Strathcona. Es war Charles Greenway, ein ehemaliger Manager eines schottischen Handelshauses in Bombay. Die mit Burmah Oil verbundenen schottischen Kaufleute hatten ihn gebeten, beim Aufbau der neuen Gesellschaft zu helfen. Innerhalb eines Jahres war er ihr geschäftsführender Direktor. Zu Beginn war er praktisch ein Ein-Mann-Betrieb.

Greenway war elegant, geradezu penibel in seinem Auftreten, mit Gamaschen und Monokel. Seine Spitznamen lauteten "Champagne Charlie" und "Old Spats and Monocle". Doch hinter der Fassade verbarg sich ein Mann von zäher Beharrlichkeit, der jederzeit bereit war, einen Streit zu führen, und der seine Ziele mit einer Unnachgiebigkeit verfolgte, die seine Gegner zur Verzweiflung brachte.

Greenway hatte drei Ziele: die Anglo-Persian zu einem bedeutenden Akteur in der Weltölindustrie aufzubauen, sie als britischen nationalen Champion zu etablieren und unter allen Umständen eine Übernahme durch Royal Dutch Shell zu verhindern. Die Angst vor Shell wurde zu seinem Leitmotiv, und sie war nicht unbegründet.

Im Schatten von Shell

Im Oktober 1912 schloss die Anglo-Persian eine Vereinbarung mit Asiatic, dem Handelsarm von Royal Dutch Shell: Sie würde ihr Rohöl sowie ihr gesamtes Benzin und Kerosin über Shell vermarkten. Nur das Heizöl behielt sie für sich. Es war ein Eingeständnis der eigenen Schwäche. Die Anglo-Persian konnte sich keinen Vertriebskrieg gegen die etablierten Giganten leisten.

Für Shell war die Vereinbarung strategisch motiviert. Robert Waley Cohen, einer der Direktoren, schrieb an die Zentrale in Den Haag, die Anglo-Persian sei mit ihren offenbar sehr großen Vorräten eine ernsthafte Bedrohung im Osten.

Doch die Vereinbarung machte die Anglo-Persian auch abhängig. Und Greenway wusste, dass Abhängigkeit der erste Schritt zur Übernahme war. Ende 1912 hatte das Unternehmen sein Betriebskapital aufgebraucht. Millionen wurden für die weitere Entwicklung benötigt, aber es gab keine offensichtliche Möglichkeit, neues Kapital aufzutreiben. John Cargill, der Vorsitzende von Burmah Oil, fasste die Lage in einem Satz zusammen, der keine Interpretation brauchte: Die persischen Dinge seien in einem höllischen Durcheinander.

Burmah Oil weigerte sich 1912, weitere Mittel bereitzustellen. Das Foreign Office warnte die Admiralität, diplomatische Hilfe allein werde nicht ausreichen, um die Unabhängigkeit der Anglo-Persian zu bewahren. Was die Gesellschaft brauche, sei finanzielle Unterstützung.

Ohne frisches Geld drohten zwei Szenarien: das Unternehmen würde den Betrieb einstellen, oder es würde von Royal Dutch/Shell geschluckt werden. Für Greenway war beides unannehmbar.

Churchill und das Öl

Die Rettung kam aus einer unerwarteten Richtung: der Royal Navy.

Admiral John Fisher, genannt "Jackie", hatte als Erster Seelord schon lange die Umstellung der Kriegsflotte von Kohle auf Öl propagiert. Öl bot höhere Geschwindigkeit, größere Reichweite, bequemere Betankung und machte die zahllosen Kohlebunkerstationen rund um die Welt überflüssig. Der erste Versuch einer Umrüstung war allerdings ein Desaster gewesen. Die HMS Hannibal hatte sich beim Test in eine schwarze Rauchwolke gehüllt.

Im Mai 1912 reiste Winston Churchill, seit 1911 Erster Lord der Admiralität, nach Neapel, um Fisher aus dem Ruhestand zu locken und ihn zum Vorsitzenden einer Königlichen Kommission für Treibstoff und Antrieb zu machen. Churchill schrieb ihm, das Problem des flüssigen Treibstoffs müsse gelöst werden.

Die Kommission entschied zugunsten des Öls. Doch damit stellte sich die nächste Frage: Woher sollte das Öl kommen? Die einzige britische Inlandsquelle war schottischer Ölschiefer, der immer weniger produktiv und immer teurer wurde. Die Alternative war Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten, vor allem von Shell und den amerikanischen Gesellschaften.

Greenway nutzte die Gelegenheit mit der Präzision eines Lobbyisten. Sein immer wiederkehrendes Argument vor der Kommission und in Whitehall lautete: Ohne staatliche Hilfe werde die Anglo-Persian in Shell aufgehen. Und Shell, kontrolliert von Royal Dutch, einer niederländischen Gesellschaft, die dem Druck Deutschlands ausgesetzt sei, werde die britische Ölversorgung damit unter deutsche Kontrolle bringen. Es war eine Argumentation, die den Nerv der Zeit traf.

Fisher war überzeugt. Nach Greenways Aussage vor der Kommission hielt er ihn privat fest und erklärte, man müsse alles tun, um die Kontrolle über die Anglo-Persian zu sichern und sie für alle Zeiten als eine rein britische Gesellschaft zu erhalten.

Die Entscheidung

Im Juni 1913 legte Churchill dem Kabinett ein Memorandum zur Ölversorgung der Royal Navy vor. Das Leitprinzip war die Aufrechterhaltung unabhängiger, konkurrierender Versorgungsquellen. Das Kabinett stimmte grundsätzlich zu, dass die Regierung eine Mehrheitsbeteiligung an einer vertrauenswürdigen Versorgungsquelle erwerben solle.

Am 17. Juli 1913 erklärte Churchill vor dem Parlament, ohne Öl könne Großbritannien kein Korn, keine Baumwolle und keine der tausend Waren beschaffen, die für die wirtschaftliche Energie des Landes notwendig seien. Die Admiralität solle Eigentümerin oder zumindest Kontrolleurin an der Quelle eines wesentlichen Teils des benötigten Öls werden.

Churchill entsandte Konteradmiral Edmond Slade, den früheren Direktor des Marinenachrichtendienstes, auf eine Erkundungsmission nach Persien. Greenway soll eilig kosmetische Verbesserungen an der Raffinerie in Abadan veranlasst haben, bevor Slade eintraf, und einen neuen Raffineriemanager aus Rangun einfliegen lassen haben.

Slades privates Urteil an Churchill war eindeutig: Es handele sich um eine grundsolide Konzession, die mit erheblichem Kapitaleinsatz zu gigantischem Umfang entwickelt werden könne. Sie würde Großbritannien in eine vollkommen sichere Lage hinsichtlich der Ölversorgung für Marinezwecke bringen, wenn man die Kontrolle über das Unternehmen habe, und das zu sehr vernünftigen Kosten. Sein offizieller Bericht Ende Januar 1914 fügte hinzu, es wäre ein nationales Unglück, wenn die Konzession in ausländische Hände fiele.

17. Juni 1914

Am 17. Juni 1914 erhob sich Churchill im Unterhaus, um die Vorlage einzubringen. Die Regierung werde 2,2 Millionen Pfund in die Anglo-Persian Oil Company investieren und damit 51 Prozent der Aktien erwerben. Zwei Regierungsdirektoren würden in den Vorstand entsandt, mit einem Vetorecht über Marinetreibstoffverträge und politisch bedeutsame Angelegenheiten, aber ohne Einmischung in das kommerzielle Tagesgeschäft. Ein separater, geheimer Vertrag sicherte der Admiralität einen zwanzigjährigen Liefervertrag für Heizöl zu Vorzugspreisen.

Der Vergleich, der sofort gezogen wurde, war Disraelis Kauf der Anteile an der Suezkanal-Gesellschaft ein halbes Jahrhundert zuvor, ebenfalls ein Schritt, der aus strategischen Gründen unternommen worden war.

Das Parlament stimmte mit 254 gegen 18 Stimmen zu. Es war ein Ergebnis, das selbst Greenway überraschte. Er saß an diesem Tag in der Regierungsloge neben hohen Beamten des Schatzamtes. Als er Churchill nach der Abstimmung fragte, wie er das geschafft habe, antwortete dieser: Es sei der Angriff auf Monopole und Trusts gewesen, der den Ausschlag gegeben habe.

Einer der beiden Regierungsdirektoren wurde Slade selbst, der als Vizevorsitzender des Vorstands das Vetorecht in nichtkommerziellen Angelegenheiten ausübte.

Sir Marcus Samuel von Shell konnte seine Verbitterung kaum verbergen. Die Admiralität habe einen seltsamen Moment gewählt, um ein Unternehmen zu subventionieren, das in einem fremden Land operiere.

Krieg und Verwandlung

Die königliche Zustimmung zum Gesetz erfolgte am 10. August 1914. Zu diesem Zeitpunkt war der Erste Weltkrieg bereits ausgebrochen. Russland hatte am 30. Juli mobilisiert, Deutschland am 1. August Russland den Krieg erklärt, und am 4. August hatte Großbritannien die Feindseligkeiten aufgenommen.

Der Krieg verwandelte die Anglo-Persian von einem chronisch unterfinanzierten Unternehmen in einen strategischen Pfeiler des Empire. Die Ölproduktion in Persien verzehnfachte sich zwischen 1912 und 1918, von 1.600 Barrel pro Tag auf 18.000. Bis Ende 1916 deckte die Anglo-Persian ein Fünftel des gesamten Ölbedarfs der britischen Marine. Die Gesellschaft, die in ihrem ersten Jahrzehnt immer wieder kurz vor dem Bankrott gestanden hatte, begann beträchtliche Gewinne zu erwirtschaften.

Greenway nutzte den Krieg als Sprungbrett. Er erwarb das britische Vertriebsnetz von British Petroleum, das zuvor der Deutschen Bank gehört hatte und nach Kriegsausbruch von der britischen Regierung beschlagnahmt worden war. Er baute eine eigene Tankerflotte auf. Aus einem reinen Rohölförderer wurde ein vertikal integrierter Ölkonzern: Förderung, Transport, Raffinierung und Vertrieb in einer Hand.

Was 1909 als Bergbaugesellschaft mit einer einzigen Konzession und einer kaputten Raffinerie begonnen hatte, war innerhalb eines Jahrzehnts zum Werkzeug britischer Machtprojektion im Nahen Osten geworden. Öl war, zum ersten Mal, aber gewiss nicht zum letzten Mal, zu einem Instrument nationaler Politik geworden, zu einem strategischen Rohstoff, dem kein anderer gleichkam.

Verbindungen

Akteure

Unternehmen

Ereignisse

Orte

  • Abadan – Standort der Raffinerie
  • Persien – Territorium der Konzession

Systemischer Kontext

Übergeordnete Strukturen