Palästina und die Balfour-Deklaration
Am 2. November 1917 unterzeichnete der britische Außenminister Arthur James Balfour einen Brief an Lord Walter Rothschild, den Vorsitzenden der Zionistischen Föderation Großbritanniens. Der Brief enthielt einen einzigen Satz von 67 Wörtern, der erklärte, die britische Regierung betrachte die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina mit Wohlwollen und werde ihr Bestes tun, um die Verwirklichung dieses Zieles zu erleichtern. Zwei einschränkende Klauseln fügten hinzu, es dürfe nichts geschehen, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der nichtjüdischen Bevölkerung Palästinas beeinträchtige. Diese nichtjüdische Bevölkerung stellte zu diesem Zeitpunkt über 90 Prozent der Einwohner. Im gesamten Text wurde sie kein einziges Mal beim Namen genannt.
Der Chemiker und der Außenminister
Balfour war 69 Jahre alt, ein schottischer Aristokrat, ehemaliger Premierminister, Philosoph und Außenminister im Kriegskabinett. Der Mann, der ihn für die zionistische Sache gewonnen hatte, war Chaim Weizmann, ein russischstämmiger Biochemiker an der Universität Manchester. Weizmann hatte ein Verfahren entwickelt, mit dem sich Aceton durch bakterielle Fermentation herstellen ließ. Aceton war ein unverzichtbarer Bestandteil bei der Herstellung von Kordit, dem Treibmittel für die Munition der britischen Artillerie. Bis 1917 produzierte Weizmanns Verfahren in der Kordite-Fabrik der Royal Navy in Holton Heath fast 3.000 Tonnen Aceton pro Jahr.
Weizmanns Kriegsbeitrag verschaffte ihm direkten Zugang zu Balfour und Premierminister David Lloyd George. Beide hatten eine gewisse romantische Sympathie für den Zionismus, genährt von biblischer Erziehung und einer vagen Bewunderung für die jüdische Geschichte. Doch die Motive der Regierung waren strategisch, nicht sentimental.
Berechnung, nicht Überzeugung
Im Sommer 1917 befand sich Großbritannien in einer verzweifelten Lage. Die Westfront war ein blutiger Stillstand. Die Gallipoli-Kampagne war gescheitert. Russland, wo gerade der Zar gestürzt worden war, drohte aus dem Krieg auszuscheiden. Die britische Regierung hoffte, eine prozionistische Erklärung würde jüdische Unterstützung in neutralen Ländern mobilisieren, besonders in den Vereinigten Staaten und im revolutionären Russland.
Zugleich fürchtete London, Deutschland könnte eine eigene prozionistische Erklärung abgeben und damit die jüdische Sympathie auf die Seite der Mittelmächte ziehen. Es war ein Wettlauf um politischen Einfluss, kein Akt der Großzügigkeit.
Und es gab ein weiteres Motiv. Im Sykes-Picot-Abkommen (1916) war Palästina für internationale Verwaltung vorgesehen, weil sich Großbritannien und Frankreich nicht auf die Kontrolle einigen konnten. Eine jüdische nationale Heimstätte unter britischem Schutz gab London einen Vorwand, die alleinige Kontrolle über Palästina zu beanspruchen. Palästina lag an der Flanke des Suezkanals, der Lebensader des Empire. Eine pro-britische Bevölkerung dort war strategisch von unschätzbarem Wert.
Drei Versprechen für ein Land
Die Balfour-Deklaration war das dritte Versprechen, das Großbritannien für dasselbe Territorium abgab. Die Hussein-McMahon-Korrespondenz (1915 - 1916) hatte den Arabern Unabhängigkeit in einem großen Gebiet zugesagt, dessen genaue Grenzen absichtlich vage blieben. Das Sykes-Picot-Abkommen hatte Palästina unter internationale Verwaltung gestellt. Jetzt versprach die Balfour-Deklaration eine jüdische nationale Heimstätte im selben Gebiet.
Drei widersprüchliche Zusagen an drei verschiedene Parteien für dasselbe Land. Es war ein diplomatisches Kunststück, das nur so lange funktionieren konnte, wie keiner der Beteiligten die Versprechen der anderen kannte. Als die Bolschewiki im November 1917 das Sykes-Picot-Abkommen veröffentlichten und die Balfour-Deklaration bekannt wurde, war die Grundlage für einen Konflikt gelegt, der bis heute nicht gelöst ist.
Das Mandat
Auf der Konferenz von Sanremo (1920) im April 1920 erhielt Großbritannien das Mandat über Palästina. Im Juli 1920 ersetzte eine britische Zivilverwaltung die Militärverwaltung. Am 24. Juni 1922 bestätigte der Völkerbund das Mandat offiziell. Der Mandatstext übernahm den Wortlaut der Balfour-Deklaration.
Erster Hochkommissar wurde Herbert Samuel, selbst Zionist, der versuchte, selbstverwaltende Institutionen einzurichten. Die arabische Führung verweigerte die Zusammenarbeit mit jeder Institution, die jüdische Teilhabe vorsah. Samuel traf eine Personalentscheidung, deren Folgen er nicht absehen konnte: Nach dem Tod des Großmuftis Kamil al-Husseini ernannte er dessen Halbbruder Mohammad Amin al-Husseini zum neuen Großmufti von Jerusalem. Al-Husseini wurde zum radikalsten Führer des arabischen Widerstands.
Eskalation
Die Gewalt begann fast sofort. Im April 1920, noch vor der offiziellen Mandatsübernahme, brachen die Nebi-Musa-Unruhen in Jerusalem aus: fünf Juden und vier Araber starben. Im August 1929 eskalierte ein Streit um den Zugang zur Klagemauer zum Massaker von Hebron, bei dem 67 Juden ermordet wurden. Die jahrhundertealte jüdische Gemeinde von Hebron wurde von den britischen Behörden evakuiert.
Im April 1936 begann der große arabische Aufstand, der drei Jahre dauerte. Die Forderungen waren klar: Ende der jüdischen Einwanderung, Verbot von Landverkäufen an Juden, Unabhängigkeit. Die Briten schlugen den Aufstand mit massiver Gewalt nieder. 1937 empfahl die Peel-Kommission erstmals eine Teilung des Landes in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Es war das erste Mal, dass eine britische Institution offiziell von einem jüdischen "Staat" sprach, nicht nur von einer "Heimstätte". Die Araber lehnten ab. Die Woodhead-Kommission 1938 erklärte den Teilungsplan für undurchführbar.
Das Weißbuch von 1939 kehrte den Kurs um: Es versprach einen unabhängigen palästinensischen Staat binnen zehn Jahren, begrenzte die jüdische Einwanderung auf 75.000 über fünf Jahre und machte weitere Zuwanderung von arabischer Zustimmung abhängig. Der Geist der Balfour-Deklaration war faktisch aufgekündigt.
Die Pipeline nach Haifa
Palästina spielte auch in der Ölgeschichte eine Rolle, die oft übersehen wird. Die Iraq Petroleum Company baute zwischen 1932 und 1934 eine Pipeline von den Ölfeldern bei Kirkuk über die Pumpstation Haditha am Euphrat in zwei Stränge: einen nördlichen nach Tripoli im Libanon und einen südlichen nach Haifa in Palästina. Im Januar 1935 wurden die Leitungen in Betrieb genommen.
In Haifa entstand eine große Raffinerie, die 1939 fertiggestellt wurde und die gesamte Kapazität der Pipeline verarbeiten konnte. Während des Zweiten Weltkriegs lieferte die Haifa-Raffinerie einen wesentlichen Teil des Treibstoffs für die britischen und amerikanischen Streitkräfte im östlichen Mittelmeer. Palästina war damit nicht nur Schauplatz eines Siedlungskonflikts, sondern auch ein strategischer Knotenpunkt der alliierten Ölversorgung.
Die Pipeline war während des arabischen Aufstands 1936–1939 ein ständiges Angriffsziel. Captain Orde Wingate stellte gemischte britisch-jüdische Sondereinheiten, die Special Night Squads, auf, um sie zu schützen. Es war eine der ersten Formen militärischer Zusammenarbeit zwischen der britischen Mandatsmacht und der jüdischen Gemeinschaft in Palästina.
Nach dem arabisch-israelischen Krieg von 1948 weigerte sich der Irak, weiterhin Öl durch die Pipeline nach Haifa zu pumpen. Die Leitung wurde stillgelegt. Sie hatte dreizehn Jahre lang funktioniert.
Ein Erbe ohne Ende
Die Balfour-Deklaration und das britische Mandat schufen die Bedingungen für einen Konflikt, den keine der beteiligten Parteien lösen konnte. Die Briten hatten Verpflichtungen gegenüber Zionisten und Arabern übernommen, die sich gegenseitig ausschlossen. Als sie 1948 das Mandat aufgaben und ihre Truppen abzogen, hinterließen sie ein Land im Bürgerkrieg.
Für die Geschichte der Ölindustrie im Nahen Osten war Palästina ein Nebenkriegsschauplatz, der zum Hauptkriegsschauplatz wurde. Die Pipeline von Kirkuk nach Haifa verband die irakischen Ölfelder mit dem Mittelmeer und machte Palästina zu einem Element der alliierten Energiestrategie. Der Verlust dieser Route nach 1948 zwang die Ölgesellschaften, neue Wege zu suchen, und verlagerte die strategische Bedeutung weiter in den Persischen Golf.
Verbindungen
Akteure
- Chaim Weizmann – Zionistischer Führer und Wissenschaftler
- Scherif Hussein bin Ali – Empfänger der widersprüchlichen arabischen Versprechen
Ereignisse
- Hussein-McMahon-Korrespondenz (1915 - 1916) – Britische Versprechen an die Araber
- Sykes-Picot-Abkommen (1916) – Geheime Aufteilung, die Palästina international verwalten wollte
- Konferenz von Sanremo (1920) – Mandatsvergabe an Großbritannien
- Kairoer Konferenz (1921) – Abtrennung Transjordaniens vom Palästina-Mandat
Öl und Infrastruktur
- Iraq Petroleum Company – Erbauerin der Pipeline nach Haifa
- Anglo-Persian Oil Company – Miteigentümerin der IPC
Orte
- Irak – Herkunft des Öls, das durch Palästina transportiert wurde
- Hedschas – Region, deren Herrscher von den Briten betrogen wurde
- Suezkanal – Strategisches Motiv für die britische Kontrolle Palästinas
Systemischer Kontext
- Konzessionssystem – Wirtschaftsmodell der Ölförderung in der Region
- Ressourcennationalismus – Spätere Gegenbewegung in den Förderländern
Übergeordnete Strukturen
- MOC - Geschichte der Ölindustrie im Nahen Osten – Übergeordnete MOC
- MOC - Geschichte des Nahen Ostens – Übergeordnete MOC