Near East Development Corporation
Die Near East Development Corporation (NEDC) war ein Konsortium amerikanischer Ölgesellschaften, das in den frühen 1920er Jahren gegründet wurde, um die US-Interessen an der Turkish Petroleum Company (später Iraq Petroleum Company) zu bündeln. Die NEDC hielt 23,75 % der Anteile an der IPC und sicherte damit den amerikanischen Zugang zu den Ölreserven des Irak.
Hintergrund
Nach dem Ersten Weltkrieg teilten Großbritannien und Frankreich die Ölrechte im ehemaligen Osmanischen Reich unter sich auf. Bei der Konferenz von Sanremo (1920) erhielt Frankreich den ehemaligen deutschen Anteil an der Turkish Petroleum Company. Die USA waren an dieser Aufteilung nicht beteiligt, obwohl amerikanische Truppen an der Befreiung Europas mitgewirkt hatten.
Die US-Regierung protestierte unter Berufung auf die "Open Door Policy", das Prinzip des gleichberechtigten wirtschaftlichen Zugangs. Außenminister Charles Evans Hughes argumentierte, dass die Mandatsmächte keine exklusiven wirtschaftlichen Vorteile aus den Mandatsgebieten ziehen dürften. Hinter der diplomatischen Offensive stand die wachsende Sorge, dass die heimischen Ölreserven der USA nicht ausreichen würden und amerikanische Firmen Zugang zu ausländischen Quellen brauchten.
Gründung und Mitglieder
Unter diplomatischem Druck akzeptierten die europäischen Partner 1922 die Beteiligung eines amerikanischen Konsortiums. Ursprünglich schlossen sich sieben US-Ölgesellschaften zur NEDC zusammen. Nach mehreren Konsolidierungen blieben zwei Hauptakteure übrig:
- Standard Oil of New Jersey (später Exxon) – unter der Führung von Walter Teagle
- Standard Oil of New York (später Mobil)
Beide Unternehmen waren Nachfolger des 1911 zerschlagenen Standard Oil-Imperiums von John D. Rockefeller. Durch die NEDC fanden sie erstmals gemeinsam Zugang zum nahöstlichen Öl.
Das Red-Line Agreement
Die Aufnahme der NEDC in das Konsortium wurde 1928 im Red-Line Agreement (1928) formalisiert. Die amerikanischen Firmen akzeptierten dabei die Selbstbeschränkungsklausel, die alle Partner verpflichtete, innerhalb des ehemaligen Osmanischen Reiches nur gemeinsam nach Öl zu suchen. Diese Einschränkung sollte sich als folgenreich erweisen: Als Standard Oil of New Jersey und Standard Oil of New York nach dem Zweiten Weltkrieg eigenständig in Saudi-Arabien investieren wollten, mussten sie sich aus dem Red-Line Agreement lösen, was zu erheblichen Konflikten mit Calouste Gulbenkian und der CFP führte.
Bedeutung
Die NEDC war das Vehikel, durch das die amerikanischen Ölkonzerne in das europäische Kartell im Nahen Osten eintraten. Zusammen mit den drei europäischen Partnern (Anglo-Persian Oil Company, Royal Dutch Shell, CFP) und Calouste Gulbenkian bildeten die NEDC-Mitglieder den Kern der späteren Seven Sisters, der Gruppe westlicher Ölkonzerne, die bis in die 1970er Jahre die globale Ölförderung dominierten.
Verbindungen
Beteiligte Unternehmen
- Standard Oil – Ursprungskonzern, 1911 zerschlagen
- Iraq Petroleum Company – Das Konsortium, an dem die NEDC 23,75 % hielt
- Turkish Petroleum Company – Vorgänger der IPC
Konsortiumspartner
- Anglo-Persian Oil Company – Britischer Partner in der IPC
- Royal Dutch Shell – Niederländisch-britischer Partner
- CFP – Französischer Partner
Schlüsselpersonen
- John D. Rockefeller – Gründer des Standard-Oil-Imperiums
- Calouste Gulbenkian – Vermittler und 5-%-Anteilseigner der IPC
Schlüsselereignisse
- Konferenz von Sanremo (1920) – Die Konferenz, die die USA vom Öl ausschloss
- Red-Line Agreement (1928) – Selbstbeschränkungsabkommen aller IPC-Partner
- Saudi-Arabien Konzession (1933) – Spätere US-Expansion außerhalb der Red Line
Geopolitischer Kontext
- Osmanisches Reich – Ehemaliger Staat, dessen Ölgebiete die IPC erschloss
- Irak – Mandatsgebiet, auf dessen Territorium die Konzession lag
- Konzessionssystem – Das Ausbeutungsmodell im Nahen Osten
- Seven Sisters – Die Gruppe westlicher Ölkonzerne, zu der die NEDC-Mitglieder gehörten
Übergeordnete Strukturen
- MOC - Geschichte der Ölindustrie im Nahen Osten – Übergeordnete MOC